19. September für immer unvergessen – Rentner sprengte Haus in die Luft – drei Tote, 60 Verletzte Zehnter Jahrestag der Explosionskatastrophe in Höxter

Höxter (WB). Den 19. September 2005 werden viele Höxteraner in ihrem Leben nie vergessen. Um 9.12 Uhr hatte sich der Rentner Günter Hartmann an einem nebeligen Morgen in seinem Haus am  Rathaus mit 90 Benzinkanistern und Gas  in die Luft gesprengt. An diesem Samstag findet um 17 Uhr eine Gedenkfeier in der Kilianikirche statt.

Von Michael Robrecht
Hunderte Einsatzkräfte haben sich am 19. September 2005 an Lösch- und Aufräumarbeiten rund um den Explosionsort nahe Kilianikirche und Rathaus beteiligt. Drei Tote und 60 Verletzte hat das Unglück gefordert. Die Trümmer brennen noch lange.
Hunderte Einsatzkräfte haben sich am 19. September 2005 an Lösch- und Aufräumarbeiten rund um den Explosionsort nahe Kilianikirche und Rathaus beteiligt. Drei Tote und 60 Verletzte hat das Unglück gefordert. Die Trümmer brennen noch lange. Foto: Harald Iding

Stadtheimatpfleger Wilfried Henze, dessen Antiquariat sich im Unglückshaus befand, weiß noch genau, wie er – wie viele Höxteraner auch – in seiner Wohnung zwei Häuser weiter durch einen ohrenbetäubenden Knall am Frühstückstisch aufgeschreckt wurde. Mit seiner Frau Christine und den Patienten der Zahnarztpraxis unten im Gebäude lief er auf die Straße neben der Kilianikirche, wo er Trümmer und Feuer sah. Dieser Anblick habe sich fest in seinem Gedächtnis eingebrannt.
Bei der Wahnsinnstat des als »aggressiv« bekannten Hartmann, der einen heftigen Streit mit seinem Bruder um das Haus führte, wurden eine Rentnerin (81) und ein Rentner (79), die zufällig am Haus vorbei kamen, getötet. Auch Hartmann kam um. 60 Verletzte und noch mehr Betroffene im Umkreis von hunderten von Metern in der Innenstadt mussten notärztlich versorgt und betreut werden.

75 Häuser zerstört

75 teilweise schwer beschädigte Häuser (400 Tonnen Schutt), 27 Autos mit Schaden, Glasbruch bis in die Fußgängerzone und eine durch die Druckwelle fast einsturzgefährdete Kilianikirche sind Teil der geschätzten Schadensbilanz von acht bis zehn Millionen Euro.
»Der 19. September hat die Menschen alle tief erschüttert«, berichtet Wilfried Henze. Er schildert, dass ihn nur Gespräche mit einem Psychologen und die Tatsache, dem Täter die Tat später vergeben zu haben, aus einem tiefen Loch holten. Man hätte sich jahrelang als Opfer eines Kapitalverbrechens quälen können oder – wie er es getan habe – versuchen, das alles durch Gespräche aufzuarbeiten.
Ähnlich ging auch Gertrud Jacke vor, die mit ihrer Tochter Regina in jenem Auto gesessen hatte, das durch die Wucht der Explosion vor der Buchhandlung Henze meterhoch durch die Luft geflogen ist. Die Höxteranerin und ihre Tochter haben noch Jahre später wegen Glassplitter im Körper Ärzte aufsuchen müssen. »Ich bin Tage später an die Absperrungen gegangen und habe mir den Tatort Am Rathaus 11 angesehen«, berichtet sie, dass die Konfrontation ihr geholfen habe. Heute habe sie mit dem Thema abgeschlossen, werde aber Samstag zur Gedenkfeier kommen.
Unvergessen sind auch die Szenen in umliegenden Arztpraxen und Apotheken: Blutüberströmt lagen Verletzte dort. Erste Hilfe wurde geleistet. Teilweise irrten Menschen verletzt durch die Straßen.
Stadtheimatpfleger Henze erinnert auch an die 350 Helfer von Feuerwehren, Bundeswehr, Hilfsorganisationen und Handwerker, die sehr schnell Großartiges bei den Aufräumarbeiten geleistet hätten. Die Solidarität zwischen Bürgern, Opfern und Hilfsdiensten sei bis heute unvergessen. Deshalb sei auch die Gedenkfeier am Samstag so wichtig. Am 19.9.2005 habe sich die größte Katastrophe nach dem Krieg ereignet: Menschen mussten aus Häusern geholt werden, so wie eine junge Mutter mit Kind aus dem aufgerissenen Ständerhaus, wo auch Höxters heutiger Bürgermeister Alexander Fischer seine Anwaltspraxis hatte.

Totale Verwüstungen

Rund um das Rathaus, dessen Dach durch die Explosion zentimeterhoch angehoben worden war, sah es aus wie nach einer Bombardierung. In der Kilianikirche hing die historische Bleiverglasung an den Fensterrahmen, die Mauerwerksschäden waren eklatant. Die Kinder der Gruppe »Mausezahn« im evangelischen Pfarrhaus hatten Heerscharen von Schutzengeln, weil sie wegen Frühnebels nicht im Garten neben dem Explosionshaus spielten, sondern vorne im Gebäude saßen. Sie liefen unversehrt durch das Chaos zur Parfümerie Fien. Die Feuerwehr hält ein altes Buch aus Henzes Antiquariat in ihrem Archiv in Ehren, das die Wehrleute 200 Meter vom komplett weggesprengten Unglückshaus entfernt mitten auf dem Marktplatz halb zerfetzt fanden.
Viele Bürger haben die Bilder der Verwüstung von Teilen der Innenstadt noch immer vor Augen: Riesige Schaufenster wie im Hertie-Haus waren zerborsten, Dächer abgedeckt, Geschäfte verwüstet. Menschen wurden obdachlos. Das Unglücksgrundstück hat übrigens bis heute kein Investor erworben. Pläne gab es, umgesetzt wurde aber bisher nichts.

Gedenkfeier

Gemeinsam mit der katholischen und der evangelischen Kirchengemeinde lädt die Stadt Höxter alle Bürger am Samstag, 19. September, um 17 Uhr zu einem Gedenkgottesdienst anlässlich des zehnten Jahrestages der Explosionskatastrophe in die Kilianikirche ein. Es soll all derer gedacht werden, die von dem Unglück 2005 betroffen waren. In der Kirche werden am Samstag Fotos aus dem WESTFALEN-BLATT-Archiv gezeigt, die die Zerstörungen in Höxter dokumentieren

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