»Corveyer Programm« liegt vor: Aufbruch in länderübergreifende Projekte – Klaus Töpfer will Region öffnen »Nicht reden, sondern machen«

Höxter/Holzminden (WB). »Perfectum est« – Teil 2. Jetzt ist auch das erste »Corveyer Programm« fertig. In der Schlossgastronomie Corvey trafen sich  150 Unternehmer, Behördenleitungen und weitere Multiplikatoren, um einen  Ruck in der  Region auszulösen.

Von Michael Robrecht
Hoffen auf mehr Schwung in Höxter: Prof. Klaus Töpfer, Jan Schametat, Jens-Martin Wolff, Landrätin Angela Schürzeberg, Horst-Otto Künneke, Bürgermeister Alexander Fischer, Landrat Freidhelm Spieker und  Jürgen Spier
Hoffen auf mehr Schwung in Höxter: Prof. Klaus Töpfer, Jan Schametat, Jens-Martin Wolff, Landrätin Angela Schürzeberg, Horst-Otto Künneke, Bürgermeister Alexander Fischer, Landrat Freidhelm Spieker und Jürgen Spier Foto: Michael Robrecht

Die Kreise Höxter und Holzminden wollen enger zusammenarbeiten. Wirtschaftsinitiativen aus beiden Kreisen haben das Programm dafür in Regionalkonferenzen angeschoben und erarbeitet. Auftakt war vor einem Jahr die »Fürstenberger Erklärung«. Mit vielen Vorschlägen soll die Weserregion länderübergreifend gestärkt werden. Das Programm wendet sich an Unternehmen und Behörden, an Hochschulen, Verbände und Vereine. Die Initiatoren wollen, dass die Städte Höxter und Holzminden gemeinsam Gewerbeflächen erschließen, das Weltkulturerbe Corvey vermarkten, dass Feuerwehren zusammenarbeiten und sich die Schulen und Hochschulen vernetzen. Um die beiden Weserkreise zu stärken, fordert das Programm aber auch den Bau einer neuen Ost-West-Autobahn, den Ausbau von B240 und B64.

Grundsatz-Papier

Das 40-seitige Grundsatz-Papier schlage ein strukturiertes Vorgehen vor, wenn man einen Aderlass (jetzt schon 25% Bevölkerungsrückgang bis 2030) und einen Niedergang der Region stoppen wolle, sagen Karl-Otto Künneke (Kreis Holzminden) und Jürgen Spier (Kreis Höxter) über die Dringlichkeit. Das Programm sei Appell und Bekenntnis gegen Stillstand und brauche eine große Bürgerbeteiligung, wenn es erfolgreich sein wolle. Man müsse die Jugend in Höxter und Holzminden binden.
Ex-Bundesminister Prof. Klaus Töpfer ordnete die Vorschläge aus dem »Corveyer Programm« ein. Die Region dürfe sich nicht abschotten, sondern müsse die Tür für die globalisierte Welt öffnen. Das sei eine Riesenchance. Der frühere Vize-UN-Chef mit Wohnsitz Höxter machte konkrete Vorschläge, wie die Zusammenarbeit aussehen könne. Er sprach das alte Thema Bäder an. Töpfer schlug eine gemeinsame Sitzung der Räte Höxter und Holzminden mit konkreten Beschlüssen für die Region vor. Den Hochschulen empfahl er die Gründung eines Zertifikationszentrums für Flüchtlinge und Migranten, die oft sehr gute Qualifikationen daheim erworben hätten, die hier anerkannt werden müssten. Senioren als Zielgruppe sollten die Hochschulen entdecken. Töpfer brachte die Idee einer Sportgroßveranstaltung für Höxter-Holzminden – ähnlich wie Oster- oder Hermanns-Lauf – ins Gespräch, damit man über die Region rede. Kulturell sei auch mehr möglich: Warum nicht ein Gesangsfestival in Corvey gründen? Und warum schickt man allen Ehemaligen aus der Region nicht über E-Mail-Nachrichten ständig Neues aus der Heimat, um sie zu binden und vielleicht irgendwann sogar zurückzuholen. Das Signal müsse lauten: Die Region mache etwas, und das alles komme mitten aus der Gesellschaft. In Zeiten großer Umbrüche müsse für Aufruhr gesorgt werden. Das Motto: Machen statt reden!
In den sieben Handlungsfeldern Kommunale Zusammenarbeit, Bildung und Hochschule, Mobilität, Wirtschaft, Gesundheitsvorsorge, Tourismus sowie Kultur und Sport werden in dem Weißbuch »Corveyer Programm« Ziele formuliert und konkrete Maßnahmen vorgeschlagen. Die Außendarstellung der Region solle gestärkt werden. Im Hochschulbereich könnte es eine länderübergreifende Aus- und Weiterbildung geben, eine gemeinsame Nahverkehrsplanung wird gewünscht. Eine Gesundheitsregion Höxter-Holzminden könnte bundesweit neu angeboten werden. Die Zusammenarbeit der Krankenhäuser wird gewünscht. Die Schulen könnten stärker kooperieren. Die vielen Veranstaltungen (Kultur, Feste, Sport) sollten stärker gegenseitig beworben werden. Jungen Menschen müsse gezeigt werden, dass es sich lohne in der Weser-Region zu bleiben.

Das Programm gibt es im Internet: www.weserpulsar.de und www.wih-hx.de .

Ein Kommentar von Michael Robrecht

Das »Corveyer Programm« soll mehr als eine Sammlung von blumigen Absichtserklärungen sein. Viele ehrgeizige Ziele und Projekte werden in dem 40-seitigen Papier beschrieben. Einen Schritt nach vorn und einen Ruck soll die Fortentwicklung der »Fürstenberger Erklärung« auslösen. Damit das außergewöhnliche Vorhaben der heimischen Wirtschaft tatsächlich auch gelingt, darf es bei bloßer Theorie nicht bleiben. Gemessen wird die gute Idee letztlich an dem, was in kurzer Zeit sichtbar umgesetzt werden kann. Und da hätte sich so mancher im Saal schon an dem Abend ein oder zwei konkrete Projektstarts gewünscht, die plakativ hätten sofort begonnen werden können. Die Initiative sollte umgehend beiden Landesregierungen in Düsseldorf und Hannover das »Corveyer Programm« vorlegen, um ein Pilotprojekt für länderübergreifende Zusammenarbeit daraus zu schneidern, das möglicherweise für Einzelvorhaben sogar bezuschusst werden kann. Wenn man am Rad dreht, dann bitte gleich an einem ganz großen. Die Lage ist ernst. Es ist bemerkenswert, dass erstmals 150 Unternehmer länderübergreifend solchen Druck machen – und Politik und Verwaltungen fest ins Schlepptau genommen haben. Es ist gut, dass die Arbeitskreise ihre Tätigkeit fortsetzen. Alle Entscheider in HX und HOL müssen in die Pflicht genommen werden. Es wäre schade, wenn der Aufbruch im bürokratischen Dickicht diesseits und jenseits der Weser am Ende doch steckenbleibt.

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