Gehrden feiert 1150-jähriges Bestehen: Umfangreiches Festwochenende geplant Das Dorf, das Berlin Konkurrenz machte

Brakel (WB). Zornige Ordensschwestern, beunruhigte Berliner, gestresste Holländer: Viele sind in den vergangenen 1150 Jahren nach Gehrden gekommen. Geblieben ist eine starke Dorfgemeinschaft – und die will ihr Jubiläumsjahr jetzt ordentlich zelebrieren.

Von Timo Gemmeke
Der Festausschuss freut sich auf die große Feier: (von links): Verena Krelaus-Rochell, Detflef Stock, Harald Kisters, Ferdinand Gerdes, Franz-Josef Wolff und Josef Weber.
Der Festausschuss freut sich auf die große Feier: (von links): Verena Krelaus-Rochell, Detflef Stock, Harald Kisters, Ferdinand Gerdes, Franz-Josef Wolff und Josef Weber. Foto: Timo Gemmeke

Marktmeile und Kunstpfad

Das große Festwochenende soll – nebst über das Jahr verteilten Veranstaltungen – vom 31. August bis zum 2. September steigen. Ganz im Sinne der Gemeinschaft wollen die Gehrdener feiern: »Wir haben bei der Planung großen Wert darauf gelegt, alle Bürger gleichermaßen anzusprechen«, sagt Franz-Josef Wolff, Vorsitzender des Festauschusses. Kultur und Kulinarisches sollen also für jede Generation im Mittelpunkt stehen – egal ob Kindermalkursus oder Sakralausstellung. Die dafür geplante Marktmeile und der »Kunstpfad« ziehen sich dann vom Bürgerhaus bis zum Schloss. Dorthin, wo vor 1150 Jahren alles begann.

Vom Hof zur Stadt

Noch ganz weit entfernt von großen Ansiedlungen und der später florierenden Tourismus-Welle wird 868 das Damenstift Heerse gegründet. Im gleichen Zug findet damit auch Gehrden, damals noch aufgeteilt in einen Nord- und einen Südteil, erstmals urkundlich Erwähnung. Passend wirkt angesichts der bis dato eher kargen und wenig bewohnten Senke somit der Wortursprung des Ortsnamens: »umzäunter Hof in einem Tal«. Nach dem Streit um das Vermögen einst vertriebener Ordensschwestern wird 1142 das Kloster Gehrden gegründet. Der Edelmann Heinrich de Lippia – später unter dem Zusatz »von Gehrden« bekannt – vermacht seinem Schwager, Widukind von Schmalenberg, den Gehrdener Gutshof, der diesen seiner Schwester als Brautgabe mit in die Ehe gegeben hatte.

Ab 1200 beginnt die Ansiedlung um die Klosteranlage herum. Mit neuen Einwohnern mausert sich das Dorf langsam aber beständig zur Eigenständigkeit, losgelöst vom Kloster: 1319 erhält Gehrden das Stadtrecht, baut gleichzeitig erste Befestigungsanlagen in Eigenregie.

Gehrden und die Welt

Ein weiterer infrastrukturell wichtiger Schritt gelingt mehr als 300 Jahre später mit dem Bau der ersten eigenen Schule. Eines der bis heute erhaltenen Wahrzeichen errichten Gehrdener Bürger 1668 auf dem Rosenberg: die barocke Katharinenkapelle. Der baulich fortgeschrittene und damit so konzentrierte Ort bringt aber nicht nur Vorteile mit sich. Dreimal brennt Gehrden innerhalb von 200 Jahren, einmal bleiben nur 14 Hütten verschont, danach rettet anhaltender Januarregen die mit Stroh gedeckten Heime. Von 1800 an hat mit den späteren Kriegserfolgen Napoleons auch das große Weltgeschehen Einfluss auf die Stadt, deren Geschicke mittlerweile aus einem Rathaus anstatt aus dem Kloster gelenkt werden. Letzteres wird ab 1810 schließlich säkularisiert.

Dafür sinnbildlich: Das Kloster wird von Theodor Werner Graf von Bochholz-Asseburg zum Schloss umgebaut; auch Jérôme Bonaparte, der jüngste Bruder des großen Feldherrn, flaniert als mondäner »König Lustig« durch die einst sakralen Gemäuer. 1823 kauft Graf von Oeynhausen zu Sierstorpff aus Bad Driburg den ehemaligen Klosterbesitz.

»Berliner Zweitwohnsitz«

Nach der Jahrhundertwende hält die Moderne weiter Einzug: 1923 wird Gehrden mit Strom versorgt, drei Jahre später mit fließend Wasser. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verändert sich Gehrden grundlegend. Im Kloster werden Flüchtlingsfamilien aus dem Ruhrgebiet untergebracht. Später kauft ein Geschäftsmann aus Dortmund die noch erhaltenen Gebäudeteile und baut ein Gästehaus für Familien an.

Ab den 1960er-Jahren gelangt Gehrden zu deutschlandweiter Bekanntheit: Das Feriendorf zieht Gäste aus dem In- aber auch dem Ausland an. Besonders Niederländer entspannen gerne in der hügeligen Landschaft. Mit dem Bau der Mauer wird der kleine Ort im Brakeler Land zum »Berliner Zweitwohnsitz«. Die Hauptstädter quartieren sich ein, kaufen viele Häuser und Grundstücke auf, um bei Eskalationen im Ost-West-Konflikt aus der Schussbahn treten zu können.

Damit geht auch die Aussiedlung von Höfen und Betrieben einher. 1965 kauft die Paderborner Erzdiözese das Schloss, zehn Jahre danach wird Gehrden Teil der Stadt Brakel. 1989 wird mit dem Fall der Mauer auch die »Berliner Friedensuhr« aus Teilen der ehemaligen Gehrdener Kirchturmuhr enthüllt – die soll zum Jubiläumsjahr ein »Comeback« feiern. »Aber nur als Miniatur«, verrät Wolff. Ganz im Gegensatz zur Uhr, soll die Party am Festwochenende so richtig groß ausfallen. »Wir haben sogar ein Jubiläumsbier brauen lassen. Das kann nur gut werden!«

Das Jahresprogramm in Gehrden

Der Festausschuss hat ein umfangreiches Programm für 2018 zusammengestellt. Ein Überblick:

Freitag, 9. Februar : kfd-Frauenkarneval. Donnerstag, 10. Mai : Vatertags-Frühshoppen des Musikvereins / Christi Himmelfahrt. Sonntag, 24. Juni : großes Chorkonzert. Freitag, 29. Juni: 350-Jahrfeier der Katharinenkapelle. Sonntag, 1. Juli : Patronatsfest und Vogelschießen. Samstag, 14. Juli : Schützenmesse und Zapfenstreich. Sonntag, 15. Juli : Schützenfest mit Umzug. Montag, 16. Juli : Schützenfrühstück und Kinderfest. Freitag, 31. August : Start Jubiläumsfest mit Kabarettist Thomas Philipzen. Samstag, 1. September : Marktmeile und Kunstpfad, »Oldiethek« und Showbühne. Sonntag, 2. September : Festmesse mit Weihbischof und Festakt. S onntag, 30. Dezember : Chor Weihnachtskonzert.

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