Musical »Heiße Ecke« feiert grandiose Premiere – Bökendorfer Ensemble zeigt Profi-Qualitäten Von Frivolität bis zarter Unschuld

Bökendorf (WB). Mit dem Musical »Heiße Ecke« hat das frechste, schrillste und deftigste Stück, das auf der Freilichbühne Bökendorf je zu sehen war, jetzt vor einem hellauf begeisterten Publikum Premiere feiern können. St.-Pauli-Atmosphäre ins als bieder geltende Ostwestfalen zu holen, mag sicher Außenstehenden als Risiko erscheinen. Ein Risiko aber, was sich voll gelohnt hat.

Von Wolfgang Braun
Taxifahrer Klaus (Thomas Becker-Bertau) singt seiner Hannelore (Ursula Lenneke) ein Liebeslied und gesteht ihr schließlich: »Du bist die Königin der Nacht und ich Dein Taxiprinz«. Auch bei dieser Nummer ist das Publikum begeistert mitgegangen.
Taxifahrer Klaus (Thomas Becker-Bertau) singt seiner Hannelore (Ursula Lenneke) ein Liebeslied und gesteht ihr schließlich: »Du bist die Königin der Nacht und ich Dein Taxiprinz«. Auch bei dieser Nummer ist das Publikum begeistert mitgegangen. Foto: Wolfgang Braun

Leichte Mädchen (Esther Schlanstedt, Julia Kubiak und Marion Sander) auf der Suche nach Kundschaft.

Auf der Sündenmeile St. Pauli wurde in Corny Littmanns »Schmidts Tivoli« das erfolgreichste deutsche Musical schon seit 15 Jahren etwa 5000 Mal aufgeführt. Kein Wunder: Mit Humor und Herz, viel Selbstironie und vielen hier nicht zitierfähigen Sprüchen nimmt sich der Rot-Licht-Kiez selbst auf den  Arm. In 24 Szenen, also 24 Stunden, rollt das Leben rund um den Curry-Wurst-Stand »Heiße Ecke« neben dem Bordell und Strip-Lokal »Red Banana« mit seinen kleinen und großen Tragödien, seinen Liebes-Freuden und Liebes-Schmerz, voller Lebenslust, Weltschmerz, Zukunftsangst- und hoffnung, voller Frivolität und voller zarter Unschuld ab.

Das Bühnenbild ist eine Augenweide

Allein schon das Bühnenbild ist eine Augenweide – eine Litfaßsäulen-Uhr mit typisch hamburgischer Astra-Bier-Reklame zeigt beispielsweise immer die Stunde an, die es gerade geschlagen hat.

In vielen Songs und Tanzeinlagen wird das Resümee einer Episode auf den Punkt gebracht. Spiel-, gesangs- und tanzfreudige Akteurinnen und Akteure haben mit ihren Profi-Qualitäten unter der Regie und choreografischen Leitung von Anke Lux und der musikalischen Leitung von Hans-Martin Fröhling ein tolles Stück Theater auf die Bühne gebracht. Es gibt also enorm viel zu gucken, zu hören, zu sehen und zu lachen. Es ist ein lebendiges Wimmelbild.

Die Dragqueen Olivia Jones, die auch in Corny Littmanns »Schmidts Tivoli« ihre eigene Show hatte, war Vorbild für den Transvestiten Gloria. Frank Spiegel war in diese höchst pikante Rolle geschlüpft und füllt sie zum Tränenlachen bravourös aus. Gloria führt eingangs in den Kiez ein. Seine unglückliche Liebe zu dem Rumänen Goran, den die Polizei abschiebt, ist Thema einer eigenen Szene und lässt Gloria ein Liebeslied (»Für immer und ewig«) singen.

Imbiss ist optisches Zentrum

Im Zentrum (zumindest optisch) stehen die Damen und Herren hinter dem Tresen der »Heißen Ecke«: Thomas Becker-Bertau spielt nach vielen Erfolgen in früheren Stücken hier den leicht vertrottelten Fred, der in der Nacht Vater wird. Auch er hat, wie viele in dem Stück, eine Doppelrolle. Er ist auch der rührend in Hannelore (resolut, aber herzensgut: Ursula Lenneke) –  sie ist auch Mitarbeiterin der Imbiss-Bude – verliebte Taxifahrer Klaus. Er stirbt im Schlaf an Herzversagen – eine weitere Tragödie.

Glück dagegen hat die Studentin Lisa (glaubhaft in ihrem Leid und ihrem Glück: Sarah Fromme), deren Freund mit ihr per Handy Schluss macht, die aber vor der »Heißen Ecke« den frisch von zu Hause weggezogenen Studenten Lars (rührend schüchtern zuerst, aber dann überraschend mutig: Jonas Fromme) kennen lernt und sich in ihn verliebt. Lars trifft seine Mutter (kleinbürgerlich, nervend und fürsorglich: Judith Schaffer-Schlanstedt) auf der Reeperbahn, die sich zusammen mit seinem Vater  ein Musical ansehen will. Sie macht dem Sohn Vorhaltungen, will nur sein Bestes. Er reagiert dagegen mit dem Song: »Mama halt doch mal das Maul!«.

Carsten Meier als Mikey, Bräutigam aus Pinneberg, Markus Sander als Pitter und Carl Grübel als Frankie sind drei Trunkenbolde, die Mikeys Junggesellenabschied feiern wollen. Dabei geht der Verlobungsring von Mikey verloren. Der wird aber vom Zocker Knut – auch Carl Grübel – bei dem Hehler Henning (cool mit Sonnenbrille aber voller Weltschmerz: Manfred Grübel) versetzt.

Manfred Grübel und sein Sohn Carl  zeigen ihre Sangeskunst in dem überhaupt nicht einfach zu singenden, aber sehr eingängigen Duett mit dem Titel »Morgen«, in dem jeder seine Zukunftsvorstellungen ausspinnt.

Aber bevor Mikey gänzlich der Verzweiflung verfällt, weil es ohne Verlobungsring keine Hochzeit gibt, taucht der Engel von St. Pauli (Nora Schlanstedt im Tanzsolo mit David Burgos y Luque) auf und das Wunder geschieht…

Gut gezeichnete und gut gespielte Typen

Freilichtbühnen-Vorsitzende Verena Becker (rechts) dankt Anke Lux für ihren Einsatz.

Das Musical lebt in seiner umwerfenden Wirkung gerade auch von gut gezeichneten und gut gespielten Typen: Wie Markus Sander, der als Pitter aus Pinneberg und als Zuhälter Manni seinen Macho steht, oder der höchst wandlungsfähige Maik Hünnefeld als vergammelter Schnorrer Kurti und als smarter  Werbefotograf Sven, oder Marion Sander als sehr verführerische Prostituierte Sylvie oder Kirstin Meffert als etwas ungeschickte Imbiss-Mitarbeiterin oder Rasmus Becker-Bertau als kiffender Straßenmusiker Jimmy, den keiner singen hören will.

Die mit Standing Ovations bejubelte Premiere bescherte einen äußerst amüsanten Abend. Einen der weiteren Termine im Juli, August und Anfang September sollte man nicht verpassen.

Karten gibt es online sowie unter Telefon 05276/8043.

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