Feuerwerk bereitet zahmen Keiler Angst: Tier büxt aus und sucht Gesellschaft Wildschwein besucht Silvesterparty

Borgentreich (WB). Schwein gehabt: Das hatten am frühen Neujahrsmorgen einige Lütgenederer – und auch ein Wildschwein. Bei der nächtlichen Begegnung sind weder Mensch noch Tier verletzt worden – und das, obwohl der Jagdpächter schon mit Gewehr und Pistole vor dem Wildschwein stand.

Von Silvia Schonheim
Gutsverwalter Sebastian Borgwald ist froh, dass er sein ausgebüxtes Wildschein »Wurzel« wieder bei sich hat. Seit etwa einem Jahr lebt das zahme Tier bei ihm.
Gutsverwalter Sebastian Borgwald ist froh, dass er sein ausgebüxtes Wildschein »Wurzel« wieder bei sich hat. Seit etwa einem Jahr lebt das zahme Tier bei ihm.

Bis 3 Uhr feierte Detlef Müller mit 22 Gästen eine ganz normale Silvesterparty in seiner Garage: »Dann wollte ein Gast nach Hause gehen, öffnete die Tür und abschloss sie direkt wieder mit den Worten: ›In deinem Garten steht ein Wildschwein‹.«

Das anfängliche Gelächter der anderen Partygäste verstummte beim Blick aus dem Fenster. Gastgeber Müller: »Da guckte uns wirklich ein Wildschwein an.« Einer seiner Gäste fasste allen Mut zusammen, öffnete die Tür und vertrieb das Tier – mit dem lauten Geklapper einer Würstchenzange.

»Es suchte die Nähe«

Plötzlich stand ein Wildschwein vor der Tür.

»Das Wildschwein sprang über eine 1,60 Meter hohe Hecke und flüchtete in Richtung Friedhof. 30 Minuten später stand es wieder im Garten, verschwand aber in Richtung Spielplatz«, berichtet Detlef Müller. Gegen 5.45 Uhr lief das Wildschwein einem der letzten Partygäste in der Siedlung über den Weg. Der griff zum Telefon und weckte Jagdpächter Gregor Wyrwa, der nur wenige Häuser entfernt längst in seinem Bett lag.

»Ich bin von einem Wildunfall ausgegangen, das passiert häufiger«, berichtet der Jagdpächter. »Ich wollte mein Auto vom Eis freikratzen, um mich auf den Weg zu machen, als ich das Schwein nur 40 Meter von mir entfernt entdeckte«, sagt Gregor Wyrwa. Weil er immer noch von einem eventuell verletzten Tier ausging, eilte er ins Haus zurück, um Pistole und Gewehr zu holen.

Doch als er so bewaffnet wieder vor die Haustür trat, kam dem Jäger das Wildschwein friedlich und unverletzt entgegen. Ihm sei schnell klar gewesen, dass es sich um ein zahmes Tier handeln muss. Wyrwa: »Es suchte die Nähe. Wahrscheinlich war es durch die Böllerei so verschreckt, dass es einfach froh war, einem Menschen zu begegnen, der es nicht gleich wieder verscheuchte. Ich habe das Schwein gerufen wie einen Hund und dann kam es zu mir gelaufen.«

»Mir ist ein Wildschwein zugelaufen«

Als er seine Waffen wieder zurück ins Haus bringen wollte, folgte das Schwein dem Jäger: »Es wollte mit rein, war aber so gut erzogen, dass es draußen auf mich gewartet hat.« Gregor Wyrwa konnte das Tier ohne Probleme in seine Garage locken und das Tor schließen.

»Mir ist ein Wildschwein zugelaufen«: Mit diesen Worten habe er bei der Polizei angerufen. Eine passende Vermisstenmeldung lag bei den Beamten allerdings nicht vor. Gregor Wyrwas Sohn Alexander, ebenfalls Jäger, gab dann in den frühen Morgenstunden den entscheidenden Hinweis auf den Wildschwein-Halter: ein Jagdkollege auf Gut Dinkelburg.

Der Gutsverwalter Sebastian Borgwald (30) schlief, als Jagdpächter Wyrwa ihn und seine Frau am Neujahrsmorgen aus dem Bett klingelte. »Wir sind sofort losgefahren, um unseren ›Wurzel‹ wieder nach Hause zu holen«, sagt Borgwald. Froh seinen Besitzer wieder zu sehen, sprang das ausgebüxte Wildschwein sofort in den Kofferraum des Wagens.

Sebastian Borgwald hat sich »Wurzel« vor etwa einem Jahr angenommen, als der etwa zwei Tage alte Frischling bei einer Jagd bei Frohnhausen von Hunden gestellt worden war. »Die Bache und die anderen Frischlinge waren geflüchtet. Er blieb schwach und unterkühlt übrig. Ich konnte nicht ›Nein‹ sagen und habe ihn mit nach Hause genommen«, erinnert sich der 30-Jährige.

Wurzel benimmt sich wie ein Hund

Wildschwein »Wurzel« ist mit Hunden aufgewachsen. Labrador »Milka« ist seine Ziehmutter.

Er ließ den Keiler kastrieren und hält ihn nun in einer Box mit Auslauf. »Er kann gut springen. Bei der Silvesterkracherei muss er über den Zaun gesprungen sein«, vermutet der Gutsverwalter. Im Normalfall würde das Wildschwein sich nur auf dem Gut bewegen und nicht weglaufen.

Als Jäger sei er sich bewusst, dass »Wurzel« auch irgendwann ein Risiko darstellen könne. In einem Jahr werde er sein Gewicht auf etwa 120 Kilogramm verdoppelt haben. »Auswildern kann ich ihn nicht mehr, dazu ist er zu zahm«, sagt der Gutsverwalter. Er sucht ein Gatter für »Wurzel« – etwa in einem Tierpark.

Ein Abschied würde ihm und seiner Frau und auch dem Gutsbesitzer, dem Graf von Westphalen, allerdings schwerfallen. »Er ist mit unseren Hunden ›Fine‹ und ›Milka‹ groß geworden, benimmt sich wie ein Hund und denkt durch seine Stallkollegen er sei ein Pferd«, sagt Sebastian Borgwald. »Wurzel« gehört halt dazu. Gutsverwalter Borgwald hat Schwein gehabt.

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