Bürgerforum zur Grundschullandschaft in Bad Driburg Lehrer lehnen vier Standorte ab

Bad Driburg(WB). Während die Sicherheitskräfte den Eingangsbereich mit unaufgeregter Routine scheinbar gelassen im Blick haben, herrscht im Inneren des Schützenhauses fast greifbare Anspannung: 720 Zuhörer verfolgen hoch konzentriert die Aussagen der Expertenrunde beim Bürgerforum zur Grundschullandschaft. Nachdenklich werden lässt sie zum Schluss das authentische Statement eines Schulleiters.

Von Jürgen Köster
Dr. Ernst Rösner stellt seine Berechnungen vor. Sebastian Worm (EDV-Beauftragter der Stadt, von links), Schulrat Hubert Gockeln, Schulamtsleiter Uwe Damer und Bürgermeister Burkhard Deppe verfolgen die Präsentation am Monitor.
Dr. Ernst Rösner stellt seine Berechnungen vor. Sebastian Worm (EDV-Beauftragter der Stadt, von links), Schulrat Hubert Gockeln, Schulamtsleiter Uwe Damer und Bürgermeister Burkhard Deppe verfolgen die Präsentation am Monitor. Foto: Jürgen Köster

Bürgermeister Burkhard Deppe hat auf dem Podium Schulamtsdirektor Hubert Gockeln, Schulamtsleiter Uwe Damer sowie die Leitungen der Grundschulen, Ingo Kortmann, Sabine Kabiersch-Diekmann und Marion Oeynhausen sowie Dr. Ernst Rösner neben sich. Eine Absage hat Deppe aus Düsseldorf erhalten. »Wir hatten Schulministerin Loermann eingeladen. Weder sie noch jemand aus ihrem Ministerium wollte kommen«, bedauert der Bürgermeister bei seiner Begrüßung.

1000 Kinder weniger

Kommentar

Angesichts aller Emotionen, die im Vorfeld des Bürgerforums hochkochten, ist der Abend erfreulich ruhig verlaufen. Deutlich geworden ist, dass es nicht darum geht, eine Auseinandersetzung zwischen zwei Seiten in geordnete Bahnen zu bringen. Vielmehr gilt es, noch wesentlich mehr Aspekte zu berücksichtigen. Schulleiter Ingo Kortmann hat beispielsweise ganz vorsichtig angedeutet, warum an der Gemeinschaftsgrundschule in der Kernstadt dringender Handlungsbedarf besteht. Er hat auch deutlich gemacht, das jahrgangsübergreifendes Lernen, nicht »mal eben so nebenbei aus der Lehreraktentasche heraus« vermittelt werden kann.

Von Seiten der Eltern ist eine weitere Botschaft gekommen: »Bitte keine Hängepartien mehr!« Dass die Kinder im Mittelpunkt jeden pädagogischen Strebens stehen müssen, ist nicht zu diskutieren, dass ihnen dabei eine Schule mit Qualität am meisten zugute kommt, ebenso wenig. Und die Prämisse für die anstehende Ratsentscheidung hat Dr. Rösner an diesem Abend auch geliefert: »Gleiches Recht für alle, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist.«

Jürgen Köster

Schulrat Gockeln macht das grundsätzliche Problem an zwei Zahlen fest: »Im Jahr 2000 wurden im Kreis Höxter 2000 Kinder geboren, zehn Jahre später waren es nur noch 1000.« Die Auswirkungen dieser Entwicklung – letztlich auch für Bad Driburg – macht Schulexperte Rösner in seiner Präsentation anhand zahlreicher Berechnungen deutlich.

Er sieht bereits kurzfristig »eine instabile Grundschulversorgung bei gleichzeitig hohem Lehrerbedarf«. »Ich erwarte jährlich wiederkehrende Diskussionen über Umlenkungen von Schülern und Schulschließungen«, sagt Rösner. Bleibe das derzeitige Grundschulangebot unverändert, seien seiner Ansicht nach die Standorte Neuenheerse und Dringenberg gefährdet. Trotz Jahrgangsübergreifendem Lernens (JÜL) sei die Schule in Pömbsen nicht dauerhaft als Teilstandort gesichert.

Zügige Entscheidung

Rösner macht sich in seiner Schlussfolgerung stark für eine zügige Entscheidung. Er spricht sich für ein verkleinertes, aber dafür langfristig stabiles Grundschulangebot aus. Das bringe Planungssicherheit für Eltern mit Kindern im Vorschulalter.

Konkret schlägt Rösner die Fusion der beiden Grundschulen in der Kernstadt vor. Er spricht sich dafür aus, die Grundschule in Neuenheerse auslaufend aufzulösen und so die Schule in Dringenberg zu stabilisieren. »Wenn zwei kleine Schule beginnen, sich zu kannibalisieren, muss man sich für einen Standort entscheiden«, urteilt der Experte.

Nur bedingt könne der Teilstandort in Pömbsen mit JÜL aufrechterhalten werden. »Es könnte funktionieren, aber eine Sicherheit gibt es nicht.« Eines ist für Rösner ganz klar. »Ein Hauptstandort mit drei Filialen und unterschiedlichen Konzepten – das kann man keinem Schulleiter zumuten.« In Nordrhein-Westfalen gebe es eine solche Lösung nur einmal – seines Wissens nach in Brilon.

Lehrerunterversorgung

Schulrat Gockeln untermauert die Aussagen Rösners. Er habe diese Feststellungen bereits vor dem Rat der Stadt gemacht. Sorge bereitet dem Schulrat die zunehmende Lehrerunterversorgung. »Wir werden die Vertretungsstellen nicht mehr alle besetzen können. In Nordrhein-Westfalen können bereits feste Stellen nicht mehr besetzt werden«, sagt Gockeln.

Aus dem Plenum kommen Anmerkungen zu den Feststellungen Rösners, Fragen zu organisatorischen Maßnahmen und Statements zu vorhergehenden Beratungen sowie zur Chancenbewertung der einzelnen Standorte. Die Neuenheerser Interessengruppe präsentiert durch Dr. Kathrin Weiß noch einmal selbst berechnete Zahlen für den Teilstandort. Eltern aus der Kernstadt interessieren sich vor allem dafür, wie es dort zukünftig weitergehen soll.

Eine Zuhörerin, Mutter zweier Kinder und Lehrerin, bewertet die Situation aus ihrer Sicht. Sie lenkt den Blick auf das Thema, das Ingo Kortmann, Rektor des Grundschulverbundes Bad Driburg-Neuenheerse und kommissarischer Schulleiter der Grundschulverbunds Bad Driburg-Pömbsen/Reelsen, in einem eindringlichen Statement in den Mittelpunkt rückt.

Über Tellerrand hinaus

Der Sprecher der Bad Driburger Grundschulleitungen ruft dazu auf, den Blick über den »Bad Driburger Tellerrand« hinaus zu richten. »In Nordrhein-Westfalen gibt es 2850 Grundschulen, und keine davon ist ein Verbund mit vier Standorten«, sagte Kortmann. Im Mittelpunkt allen Handelns und aller Überlegungen müsse stets die Qualität von Schule und Unterricht stehen. Davon profitierten die Kinder am meisten.

Nicht nur den Herausforderungen des jahrgangsübergreifenden Lernens müssten sich die Lehrer stellen, sondern auch denen von Inklusion und Integration. Diese pädagogische Arbeit jedoch benötige Zeit. »Eine höhere Quantität mit vier Standorten, würde mit weniger Qualität bezahlt werden«, ist sich der Schulleiter sicher. Er sei an sich ein Freund des jahrgangsübergreifenden Lernens. Das pädagogische Konzept dafür könne jedoch nur aus einer Position der Stärke entwickelt werden.

Ohne eine entsprechende Entwicklung JÜL an einem Teilstandort einzuführen, bedeute das Pferd von hinten aufzuzäumen. Er habe die dringliche Bitte: »Lassen Sie uns bitte nicht an vier Standorten arbeiten!«

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