Zeitzeugenabend der Geschichtswerkstatt über die bewegten siebziger Jahre in Vlotho Sie wollten die Welt verändern

Vlotho (WB). Das allererste Festival am 28. Juni 1975 auf dem Winterberg hat Jürgen »Bulli« Grundmann verpasst: »Ich konnte nicht kommen. Ich musste zum Tanzkurs.« Mit seiner Gitarre sorgte er für die passende Begleitmusik beim zweiten Siebziger-Jahre-Zeitzeugenabend. Er spielte unter anderem »Liebe Maria« und »Grüne« – Lieder, die er einst auf einer Musikkassette veröffentlicht hatte.

Von Jürgen Gebhard
Hier traf sich nicht nur die alternative Szene der Stadt: das »Café Klatsch« in der Nähe der Kulturfabrik.
Hier traf sich nicht nur die alternative Szene der Stadt: das »Café Klatsch« in der Nähe der Kulturfabrik.

Die Geschichtswerkstatt bereitet ein Filmprojekt über die bewegten siebziger Jahre in Vlotho vor. Thematisch stehen dabei Stadtsanierung, Jugendprotest und Kommunalpolitik im Mittelpunkt. Nach einem ersten Zeitzeugenabend Ende November fand nun die Fortsetzung statt. Dabei ging es unter anderem um die Jugendzentrums-Bewegung, die Stadtsanierung und um hoch emotional geführte Debatten im Stadtrat. »Die hatten großen Unterhaltungswert. Dagegen ist das heute wie im Schlafwagen«, sagte August-Wilhelm König. Als Vorsitzender der Geschichtswerkstatt führte der Mitbegründer der damals entstandenen Grünen Liste Vlotho (GLV) durch die Veranstaltung in der Kulturfabrik.

Friedensdemo in der Stadt

Im Anschluss an den ersten Zeitzeugenabend hatte eine damalige Grünen-Weggefährtin beklagt, dass zu wenig Frauen gehört worden seien. Diesen Vorwurf wollte König nun nicht auf sich sitzen lassen. Gleich zu Beginn ließ er Claudia Klocke zu Wort kommen. Sie berichtete über den Verein Autonomes Jugendzentrum und dessen Konflikte mit der Stadt. Danach sprach sie über das von ihr gemeinsam mit vielen anderen Idealisten als Kollektiv betriebene Café Klatsch: »Wir wollten die Welt verändern und wir wollten Geld verdienen. Wir haben die Welt nicht verändert und wir haben kein Geld verdient. Aber es hat Spaß gemacht«, blickte sie zurück. Immerhin 16 Jahre lang gab es das Café Klatsch, in dem sogar Ingolf Lück aufgetreten sei: »Und danach ist er berühmt geworden.«

Berichtet wurde auch über eine Friedensdemo auf dem Sommerfelder Platz. Zu den Rednerin habe die heutzutage als verurteilte Holocaust-Leugnerin bundesweit bekannte Ursula Haverbeck gehört. »Da trat sie als Frauenrechtlerin auf. Sie war noch nicht enttarnt und ihr Collegium Humanum war Teil der Vlothoer Bildungslandschaft«, sagte König.

Tunnel statt Kahlschlag

An die Gründe für die Stadtsanierung erinnerte der langjährige Bauamtsleiter Gerhard Hoberg: »Es ging darum, die Kieslaster aus der Stadt herauszubekommen.« Sogar über einen Tunnel habe man geredet. Wegen der hohen Kosten habe man schnell nach einer anderen Lösung gesucht. Gemeinsam mit der Technischen Universität Braunschweig sei der Plan entwickelt worden, die neue Straße entlang der aufgegebenen Kleinbahntrasse zu bauen.

Kontroverse Diskussionen im Rat

Der frühere Uffelner Bürgermeister Wilhelm Weber sprach über die langwierigen Bemühungen, die geplante Böschung für die neue Weserbrücke durch die Aufständerung zu ersetzen. Geschäftsmann Jürgen Meier (Fernseh-Meier) erläuterte Fotografien zur Umgestaltung der City mit der neuen Fußgängerzone und dem Umbau der Langen Straße.

Weitere Themen dieses Zeitzeugenabends waren die damals sehr kontroversen Diskussionen im Rat, die zur Spaltung der CDU, zur Abwahl des damaligen Beigeordneten und zur neuen Stadtspitze mit Bürgermeister Gerhard Wattenberg und Stadtdirektor Hermann Kölling führten (König: »Das neue Dream-Team«). Die Exteraner CDU-Ratsfrau Annegret Ottensmeyer berichtete über die Stimmungslage in ihrem Ort: »Wir hatten Angst, zu kurz zu kommen. Es ging hauptsächlich um Vlotho.«

Filmmaterial und Fotos

Unter dem Arbeitstitel »Zwischen Abbruch, Protest und Aufbruch« erstellt die Geschichtswerkstatt in Zusammenarbeit mit Filmemacher Norbert Kaase eine etwa 45-minütige Dokumentation, die zum Jahresende veröffentlicht werden soll. Neben Fotos liegen inzwischen auch Filmaufnahmen vor (unter anderem Brückeneinweihung, letzte Kleinbahnfahrt, vor der Stadtsanierung).

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