Vlothoer Werkstatt »Gustav Steinmann« erneuert Orgel in Steinhagen Sie bewahren Weltkulturerbe

Vlotho/Steinhagen (WB). Nach dem Zweiten Weltkrieg florierte der Orgelbau in Deutschland. Kirchen modernisierten damals ihre Instrumente. Heute bewahren sie lieber die Schätze aus alter Zeit. Einer der ältesten Familienbetriebe der Branche stammt aus Vlotho. Gerade erst hat die Orgelbauwerkstatt Gustav Steinmann in der Gemeinde Steinhagen-Brockhagen wieder ein Instrument saniert.

Von Frank Lemke
Jan Steinmann (links) und Frank Wilmsmann führen die Orgelbauwerkstatt von Gustav Steinmann in vierter Generation fort.
Jan Steinmann (links) und Frank Wilmsmann führen die Orgelbauwerkstatt von Gustav Steinmann in vierter Generation fort. Foto: Frank Lemke

»Hier, sehen Sie sich das an«, sagt Jan Steinmann und öffnet eine Tür, die in das Innere der Steinmann-Orgel der St. Georgs-Kirche führt. Drinnen bleibt kaum Platz zum Drehen. Die rechte Schulter schiebt sich an der kühlen Wand des Kirchturms entlang.

Links stehen Pfeifen in allen Größen wie Zinnsoldaten, die auf ihren Einsatz warten. Bloß nicht berühren. Besonders die kleinen könnten sich bei einem Stoß verbiegen und die ganze Harmonie der Orgel durcheinander bringen.

Jan Steinmann stellt jede Pfeife mit Stimmhorn, Stimmeisen und Stimmhammer ein. Foto: Frank Lemke

Die Metallpfeifen dieser mechanischen Schleifladenorgel aus dem Jahr 1968 bestehen aus einer Zinn-Blei-Legierung – ein weiches Metall, das sich leicht mit Stimmhammer, Stimmeisen, Horn und Stimmrolle bearbeiten lässt.

Vor allem die kleinen Pfeifen verbiegen sich leicht

Drückt der Organist eine Taste, pustet der Orgelkasten im Boden des Instruments Luft über Schleifladen in die gewünschte Pfeife. Sie strömt durch ihren Fuß, teilt sich am sogenannten Labium, dessen Spalt die Luftsäule im Körper der Pfeife zum Schwingen bringt.

Beim Stimmen kommt es auf hundertstel Millimeter an. Jan Steinmann und Frank Wilmsmann von der Orgelwerkstatt Gustav Steinmann hören jede kleinste Abweichung. Kurz vor Heiligabend müssen sie fertig werden. »Na, hilft nichts. Die Feinabstimmungen müssen wir auf morgen verlegen«, sagt Jan Steinmann.

Während die beiden Orgelbauer versuchen, das Instrument zu stimmen, schmücken Helfer der Gemeinde den Weihnachtsbaum vor dem Altar. Sie bereiten das Kirchenschiff vor und fegen, wischen, verschieben Stühle. Obwohl sie ruhig vorgehen, ist es dennoch zu laut, die kleinen Harmonien in den Spitzen und Tiefen der Orgeltöne zu hören.

Vier Wochen dauert die Sanierung

Macht nichts. Ein weiterer Tag wird reichen. Vier Wochen lang haben Jan Steinmann und Frank Wilmsmann die 59 Jahre alte Orgel aus dem Hause Steinmann erneuert. »Das ist ein schönes Instrument für den sonntäglichen Gebrauch«, sagt Frank Wilmsmann.

Die beiden Orgelbauer haben sich auf den Erhalt und die Restauration alter Orgel spezialisiert. In den 1990er und 2000er Jahren mussten viele Orgelbauer aufgeben, weil die Kirchen aufgrund vorhandener Instrumente weniger investierten. Außerdem haben sie sich inzwischen auf die alten Schätze besonnen, die in den 50er und 60er Jahren oft abgerissen und durch moderne, sachliche Orgeln ohne viele Schnörkel ersetzt wurden.

Die St. Georgs-Kirche in Brockhagen/Steinhagen. Foto: Frank Lemke

»Wenn Sie vom Klang mal richtig durchgeschüttelt werden wollen, besuchen Sie die Brüderkirche in Braunschweig«, sagt Frank Wilmsmann. Der Paulusdom in Münster sei ebenfalls ein Geheimtipp, oder die Orgel im Dom zu Verden. Ihr Klang sei sehr weich und romantisch, im Gegensatz zu den scharfen barocken Klängen alter pneumatischer Orgeln. Der Klang sei Geschmackssache.

Jede Orgel ist auf ihre Gemeinde zugeschnitten

Der Erhalt und die Pflege der alten Instrumente ist von internationalem Interesse. Die Unesco hat den Orgelbau und die Orgelmusik gerade zum Weltkulturerbe erklärt. 400 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit etwa 2800 Mitarbeitern, 180 Auszubildenden sowie 3500 hauptamtlichen und Zehntausenden ehrenamtlichen Organisationen führen deutschlandweit die alte Kunst des Orgelbaus fort.

Jede Orgel ist einzigartig, da sie auf die Bedürfnisse ihrer Gemeinde angepasst ist. In Deutschland sind das etwa 50.000 Unikate.

Mit der Feinabstimmung in der St. Georgs-Kirche sind Jan Steinmann und Frank Wilmsmann am Ende rechtzeitig fertig geworden. Die Evangelische Kirchengemeinde in Brockhagen feiert dieses Jahr ihren Weihnachtsgottesdienst wieder mit einer klaren und harmonisch eingestellten Orgel.

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