Vor seinem Konzert in Spenge: Reinhold Beckmann im Interview Beckmann: »Zu viel Botschaft nervt«

Spenge/Hamburg (WB). Reinhold Beckmann hat sich als Sportkommentator und Journalist einen Namen gemacht. Am Freitag, 2. März, kommt der 61-Jährige als Musiker mit seiner Band nach Spenge und präsentiert sein zweites Album »Freispiel«. Gesellschaftskritisch, aber nicht ideologisierend, wie er im Interview mit WB-Mitarbeiterin Daniela Dembert erklärt.

Reinhold Beckmann gastiert mit seiner Band am Freitag, 2. März, ab 20 Uhr in der Aula der Grundschule Spenge/Hücker-Aschen. Rumba, Reggae, Jazz, Rock und Blues stehen auf dem Programm.
Reinhold Beckmann gastiert mit seiner Band am Freitag, 2. März, ab 20 Uhr in der Aula der Grundschule Spenge/Hücker-Aschen. Rumba, Reggae, Jazz, Rock und Blues stehen auf dem Programm. Foto: dpa

Herr Beckmann, vor kurzer Zeit sind Sie in Löhne aufgetreten, am 2. März werden Sie mit ihrer Band in Spenge zu Gast sein. Kannten Sie die Stadt vorher schon?

Reinhold Beckmann: Spenge kannte ich noch nicht, aber meine Mutter kommt aus Melle-Wellingholzhausen. Ich habe viele schöne Erinnerungen an Kindheitstage in der ländlichen Umgebung. Aber auch an traurige Geschichten, die meine Mutter erzählte. Sie hat vier Brüder im Krieg verloren und spricht manchmal noch heute, mit ihren 96 Jahren, davon. Das verdeutlicht einem den Irrsinn und die menschenverachtende Maschinerie der beiden Weltkriege.

Sind gesellschaftliche und politische Themen auch Inhalte Ihrer Songs?

Beckmann: Gesellschaftliche Themen werden an verschiedenen Punkten des Abends auftauchen. Unser Lied »Wohin in dieser Welt« zum Beispiel handelt von der Flüchtlingskrise. Den Text habe ich geschrieben, als das Foto vom dreijährigen Flüchtlingsjungen Aylan, der tot am Strand von Bodrum lag, um die Welt ging. Ich merke bei den Konzerten, man kann Menschen auch mit solchen Texten berühren.

Ist das Texten über gesellschaftspolitische Themen eine Konsequenz aus dem Beruf als Journalist, in dem Sie vielen Schicksalen begegnen und als Beobachter das Zeitgeschehen aufsaugen?

Beckmann: Ja und nein. Ich schreibe auch gern kleine Liebespoesien. Das Schreiben von lyrischen Songtexten war zunächst etwas komplett anderes als das von journalistischen Texten. Doch irgendwann hat es bei mir »Peng« gemacht, und jetzt ist es ein großes Vergnügen. Bis heute.

Wie halten Sie es mit Botschaften in ihren Stücken?

Beckmann: Zu viel Botschaft nervt, besonders dann, wenn sie ideologisierend daherkommt. Klar freue ich mich, wenn sich unsere Konzertbesucher mit meinen Texten identifizieren oder sich sogar darin wiederfinden, weil sie ganz Ähnliches selbst schon erlebt und gefühlt haben. Aber ich führe in den Songtexten auch gern Alltägliches ad absurdum. In unserem Konzert gibt es auch ein paar komische oder auch schrullige Momente.

Wo liegen Ihre eigenen musikalischen Wurzeln und Vorlieben?

Beckmann: Ich bin ein Kind der 70er Jahre und in meiner musikalischen Sozialisation auch durch meine Brüder geprägt. Mein ältester Bruder war ein großer Beach-Boys-Fan. Er glaubte, Brian Wilson sei ein Genie. Schon vor der Schule frühmorgens lagen bei uns die Beach Boys auf dem Plattenteller. Zudem hat mich das Woodstock-Festival 1969 beeinflusst. Die E-Gitarren hatten plötzlich einen anderen Sound. Und in den Folk-Songs wurden Geschichten erzählt. Das hat auch die deutsche Liedermacher-Szene um Reinhard Mey und Hannes Wader damals sehr geprägt.

Die Musikstile, derer Sie sich bedienen, sind vielfältig. Wie wichtig ist Ihnen das Texten auf deutsch?

Beckmann: Sehr wichtig. Und nicht nur mir. Es gibt heute ja sehr viele Musiker, die erfrischend mutig mit der deutschen Sprache umgehen.

Was bedeutet Ihnen das Musikmachen?

Beckmann: Meine Formel ist relativ einfach: Musikmachen macht glücklich. Ich habe mein ganzes Leben schon musiziert: Anfang der 70er Jahre hatte ich sogar eine eigene kleine Band. Zugegeben, sie war von einer gewissen dilettantischen Qualität. Man würde vielleicht, wenn man großzügig ist, sagen, dass wir die erste Punk-Band überhaupt waren, als noch keiner von Punk redete. Weil wir auch nur zwei bis drei Akkorde konnten. Wir haben uns jedenfalls sehr bemüht, hatten wahnsinnig lange Haare und sahen super cool aus.

Treten Sie nach all den Jahren vor der Kamera auch mit Selbstverständlichkeit als Musiker auf die Bühne?

Beckmann: Man geht nicht auf die Bühne und kann das einfach. Davon können Sie nicht ausgehen. Ich spiele mit einer Band zusammen, die aus professionellen Musikern besteht. Das verlangt auch von mir, dass ich die Musik professionell verstehe. Dass ich es nicht nur nebenher mache. Es ist ein Teil meines Lebens geworden, der verlangt, dass ich jeden Tag spiele. Das ist keine Anstrengung, sondern eine große Freude. Während andere in ihrer Freizeit auf dem Golfplatz stehen, übe ich noch ein paar Blues-Tonleitern oder sehe zu, dass mir noch ein paar andere schöne Sachen einfallen. Wobei ich gelernt habe, dass Kreativität nicht abrufbar ist. Kreativität ist unberechenbar. Man kann sich nicht hinsetzen und sagen, dass man jetzt einen Song schreibt.

Wenn Sie nicht gerade vor oder hinter der Kamera stehen, als Moderator oder Dokumentarfilmer unterwegs sind oder Musik machen, gehen Sie ihrem sozialen Engagement nach, für das Ihnen 2008 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Beckmann: Vor 18 Jahren habe ich zusammen mit Freunden in Hamburg das Nest-Werk ins Leben gerufen, das mit Musik- und Sportangeboten für Jugendliche in sozialschwachen Hamburger Stadtteilen unterwegs ist. Sportlich liegt der Schwerpunkt bei Basketball und Fußball. Mittlerweile leisten wir auch sehr viel Integrationsarbeit. Bei den Jugendlichen, die allein nach Deutschland gekommen sind, ist es toll zu sehen, wie sich die sprachlichen Hürden abbauen und die Integration voranschreitet. Umgekehrt frustriert es uns aber auch, wenn man jugendliche Migranten erlebt, die nicht richtig Fuß fassen können.

Worauf darf sich das Spenger Publikum am 2. März freuen?

Beckmann: Auf einen ganz persönlichen, fast intimen musikalischen Abend mit einigen Erzählungen. Wir stellen die Songs der neuen CD »Freispiel« vor, die am 9. März erscheint. Ich freue mich sehr auf Spenge.

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