Vater (39) feierte in Spenge zunächst bei Nachbarn, dort kam es zum Streit - mit Video Nach Rauswurf bei der Party Kinder zum Sprung gedrängt?

Spenge(WB). Der Sturz zweier Kinder (6/9) in der Neujahrsnacht in Spenge wirft Fragen auf. Wie konnte es dazu kommen, dass der Vater (39) die beiden Söhne laut Staatsanwaltschaft genötigt hat, aus der zweiten Etage zu springen? Nach Informationen des WESTFALEN-BLATTES ging dem tragischen Ereignis ein Streit während einer Silvesterparty in der benachbarten Wohnung voraus.

Von Gerhard Hülsegge
Aus dem Fenster der zweiten Etage dieses Wohnhauses (Mitte) im Lönsweg in Spenge sind die beiden sechs- und neunjährigen Jungen in der Neujahrsnacht gesprungen. Dabei verletzten sie sich schwer. Ein Junge soll die Klinik wieder verlassen haben.
Aus dem Fenster der zweiten Etage dieses Wohnhauses (Mitte) im Lönsweg in Spenge sind die beiden sechs- und neunjährigen Jungen in der Neujahrsnacht gesprungen. Dabei verletzten sie sich schwer. Ein Junge soll die Klinik wieder verlassen haben. Foto: Jan Gruhn

»Die Kinder müssen einem nachhaltig leid tun«, sagt Spenges Bürgermeister Bernd Dumcke. Denn sie sind wohl die Opfer eines Dramas, das mit einem geselligen Beisammensein begann. Einer der schwer verletzten Jungen soll die Kinderklinik in Bielefeld-Bethel schon wieder verlassen haben. Beide Kinder sind laut Polizei aber noch nicht vernehmungsfähig.

 Während der in Untersuchungshaft befindliche Trockenbauer zur Tat selbst schweigt und die Verhöre durch die Polizei mehr oder weniger teilnahmslos über sich ergehen lässt, verdichten sich Schilderungen von Zeugen: Nach Informationen dieser Zeitung wollte der Vater, der von der Mutter der Kinder getrennt lebt, Silvester bei Nachbarn feiern.

Blutprobe ergibt einen Wert von 2,5 Promille

Die Szenerie: Alle sind fröhlich. Die Kinder verbringen den letzten Abend des Jahres 2017 in der väterlichen Wohnung im Lönsweg. Dann entscheidet sich der Vater dazu, bei Nachbarn den Jahreswechsel zu feiern. Er trinkt reichlich Alkohol, die später durch die Polizei angeordnete Blutprobe ergibt einen Wert von 2,5 Promille.

Aufgrund seiner Trunkenheit verdirbt der 39-jährige Spenger, der kurz vor Weihnachten von seiner neuen Freundin verlassen worden sein soll, den anderen im Verlauf des Abends offensichtlich den Spaß. Er wird gebeten, die Wohnung zu verlassen. Es kommt zum Streit. Zuhause geht der Vater seine Kinder an. Tenor: »Wenn ihr nicht aus dem Fenster springt, schmeiß’ ich euch raus!«

So nimmt kurz nach Mitternacht die Tragödie ihren Lauf. Die beiden Jungs öffnen das Fenster und springen tatsächlich nachein­ander auf das steil abfallende Dach. Auf den nassen Pfannen rutschen sie mehr als sechs Meter in die Tiefe. Der Sechsjährige kann sich noch wenige Sekunden an der Dachrinne festhalten, dann fällt auch er auf das Pflaster in der Fußgängerzone.

»Wenn du nicht so viel trinken würdest, wäre das alles nicht passiert«

Anwohner Horst Nölle (70) kommt gerade von seinem Dorfrundgang zurück, als er die am Boden liegenden Kinder erblickt. »Die Verletzungen konnten nicht vom Feuerwerk kommen«, sagt der Rentner später.

Augenzeuge Horst Nölle (70) beschreibt seine Eindrücke. Foto: Jan Gruhn

 Passanten leisten Erste Hilfe , dann trifft auch die Mutter der Kinder ein, die bei Freunden Silvester gefeiert hat, und schreit laut Nölle ihren inzwischen ebenfalls erschienenen Ex-Mann an: »Wenn du nicht so viel trinken würdest, wäre das alles nicht passiert.« Eine andere Frau, die ebenfalls an der Silvesterparty teilgenommen und Hilfe geholt hatte, wird jetzt zur Hauptbelastungszeugin.

Prekäre Familienverhältnisse waren der Stadt Spenge nicht bekannt

Der des versuchten Totschlags und der schweren Körperverletzung beschuldigte Familienvater gehört seit fünf Jahren der Löschgruppe in Enger-Westerenger der Freiwilligen Feuerwehr an. »Bei uns hat er sich nie etwas zu Schulden kommen lassen«, sagt Löschgruppenführer Klaus Bockermann.

Die angebliche Tat des Mannes, der erst im März 2017 zum Oberfeuerwehrmann befördert worden war, kann er sich nicht erklären. Der 39 Jahre alte Vater sei auch der Polizei bislang nicht aufgefallen, erklärt Staatsanwalt Veit Walter.

Prekäre Familienverhältnisse waren der Stadt Spenge nicht bekannt. »Wir kennen weder die Familie, noch haben wir von Problemen gehört«, erklärt Rainer Czypulowski, Abteilungsleiter für Soziales im Rathaus. Anzeichen von Kindeswohl-Gefährdung habe es nicht gegeben.

Die Stadt hat kein eigenes Jugendamt. Insofern sei der Kreis Herford für die Kinder nach dem Fenstersturz zuständig. Kreis-Sprecherin Petra Scholz will zum konkreten Fall wegen des laufenden Strafverfahrens nichts sagen. Nur so viel: »Wir müssen die Familie schützen.«

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