Heiligabend lassen die Wallenbrücker eine alte Tradition aufleben – das Beiern Glocken werden von Hand geläutet

Spenge(WB). Wenn zum Gottesdienst an Heiligabend die Glocken in Wallenbrück läuten, dann ist das echte Handarbeit. Von dem anstrengenden Unterfangen bekommen nur die wenigsten Bürger etwas mit.

Von Daniela Dembert
Gerhard Heining fixiert die Zugvorichtung an den Glocken und zeigt, wie sie zu bedienen ist.
Gerhard Heining fixiert die Zugvorichtung an den Glocken und zeigt, wie sie zu bedienen ist.

Ein enger Gang führt zunächst über die steilen, steinernen Stufen in den Kirchturm. Weiter geht es über hölzerne Stiegen hinauf bis zum Läutwerk der Wallenbrücker Marienkirche. »Ich gehe mal vor und fange die gröbsten Spinnweben ab«, bietet Gerd Heining an.

Ihm folgen Simon Heitmann, Laura und Malte Finkemeyer. Die drei Mitglieder des Posaunenchores sollen heute von Bläser-Kamerad Heining das Beiern, also das Läuten der Kirchglocken von Hand, erlernen. »Seit einigen Jahren läuten wir an Heilig Abend die Glocken zum 18 Uhr-Gottesdienst und um Mitternacht von Hand«, erzählt Heining. Im Wechsel mit vier Bläsern, die sich mit ihren Instrumenten ebenfalls im engen Glockenraum postieren, wird musiziert. Die drei Glocken erklingen in gis, fis und e. »Damit kann man keine ganzen Lieder läuten, aber es sind schon einige Variationen möglich. Und das muss vorher natürlich ausprobiert werden«, so Gerd Heining. Gerne verweilen die Wallenbrücker nach dem Gottesdienst vor der Kirche, um diesem einmaligen musikalischen Wechselspiel zu lauschen.

Zeitschalt-Automatik treibt Glocken an

Die Glocken, die regulär über eine Zeitschalt-Automatik geläutet werden, können über eine einfache, dennoch ausgeklügelte Mechanik von Hand, beziehungsweise durch ein Fußpedal geläutet werden. »Früher wurde viel mehr gebeiert, vor und nach hohen Festtagen«, blickt Heining zurück und ergänzt: »Das war lange in Vergessenheit geraten und erlebt jetzt vielerorts eine Renaissance.«

Auch in Wallenbrück war diese Tradition eingeschlafen. Vor etwa 20 Jahren habe man dann wieder damit begonnen. »Damals lagen noch die Einzelteile der Zugvorrichtung im Turm, die Installation war aber demontiert und niemand wusste mehr so recht, wie sie zusammengehörte. Hilfe gab es von Claus Peter, dem Glockensachverständigen der Landeskirche«, erinnert sich Heining, während er die Leinen, die über Flaschenzüge und Balken laufen, an die massiven Klöppel der Glocken einklinkt.

Altmeister und neues Talent

Nur ein kleiner Abstand trennt Klöppel und Schlagring von einander. Wird am Seil gezogen, ertönt der Anschlag. Über ein Gewinde lässt sich eine Feinjustierung des Abstandes zwischen Schlägel und Glocke vornehmen. Theoretisch gibt es genug Gemeindemitglieder, die sich mit dem Beiern auskennen. Problem: nicht jeder von ihnen schafft noch den steilen Weg hinauf in den Turm. Deshalb möchte Gerd Heining jetzt die Jugend für die alte Tradition begeistern und hat bei den drei Posaunisten offene Türen eingerannt: »Wallenbrück ist eines der wenigen Dörfer, die diese alte Tradition noch haben. Ich find’s schön, wenn so etwas weitergegeben wird und nicht ausstirbt«, meint Laura Finkemeyer. Beherzt setzt die junge Frau den Gehörschutz auf und probiert sich am Läuten. Tipps zu Tonfolgen, Klang und Hall gibt es vom Altmeister, der resümierend befindet: »Du bist ein Naturtalent.«

Beiern stammt aus 14. Jahrhundert

Das Beiern geht zurück bis ins 14. Jahrhundert. Jedes Dorf hatte seine eigene, festgelegte Tonfolge und Melodie. Heute lebt dieses Brauchtum wieder auf, wird sogar von Vereinen gepflegt. »Wir haben keine feste Tonfolge. Das ganze erscheint mir viel lebendiger mit den Variationsmöglichkeiten«, meint Heining. Davon können sich Heiligabend die Besucher der Marienkirche überzeugen.

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