Syrischer Psychiater verließ Löhne, um in der Türkei zu arbeiten Arzt verzichtet auf Asyl, weil er Landsleuten helfen will

Löhne (dpa/WB/bex). Der syrische Psychiater Jalal Nofal hätte ein ruhiges Leben in Löhne haben können. Er war in Deutschland als Asylbewerber anerkannt. Doch hier hielt ihn nichts.

Psychiater Jalal Nofal steht in Gaziantep (Türkei) vor dem Zentrum für mentale Gesundheit. Er hatte politisches Asyl in Deutschland, lebte in Löhne, wollte jedoch in der Türkei helfen.
Psychiater Jalal Nofal steht in Gaziantep (Türkei) vor dem Zentrum für mentale Gesundheit. Er hatte politisches Asyl in Deutschland, lebte in Löhne, wollte jedoch in der Türkei helfen. Foto: dpa

Der 54-Jährige lächelt, wenn er heute an Löhne denkt, wo er mit seiner Frau lebte. »In Deutschland zu sein, das war für mich eine Art Stagnation.« Er habe dort weniger helfen können als in der Türkei, wohin viele seiner Landsleute geflüchtet seien. Also kehrte er Deutschland den Rücken.

Seit mehr als einem Jahr arbeitet Nofal nun in dem Zentrum für mentale Gesundheit in der südtürkischen Stadt Gaziantep nahe der syrischen Grenze. Die Hilfsorganisation Relief International organisiert das Projekt. Das Geld dafür kommt aus dem Topf der drei Milliarden Euro, die im Rahmen des im März 2016 vereinbarten Flüchtlingspakts von der EU an die Türkei gehen. Drei weitere Milliarden sollen folgen.

Als Regimegegner verfolgt

Im Syrien des Präsidenten Baschar al-Assad sei er als Regimegegner verfolgt worden. Viermal sei er im Gefängnis gelandet, erzählt Nofal, allein acht Jahre zwischen 1983 und 1991. Nach einer halbjährigen Inhaftierung wurde er im Januar 2015 erneut freigelassen. Er floh nach Deutschland.

Hier lebte seit Ende 2014 bereits seine Frau, die in ihrer Heimat bekannte Autorin und Journalistin Dunia Khawla (49). Sie war 2013 nach einer erneuten Inhaftierung ihres Mannes aus Syrien über den Libanon nach Deutschland geflohen. In Löhne, wo Verwandte von ihr wohnen, fand sie ein Zuhause, bekam umgehend politisches Asyl wie später auch ihr Mann.

Nofal: »Mein Potenzial nicht genutzt«

Doch auf die Dauer war das Leben in Deutschland nichts für Jalal Nofal. »Das Land hat mein Potenzial nicht genutzt.«

Das ist jetzt in Ganziantep gefordert. Der kleine Mann mit den zurückgebürsteten Haaren, in der Heimat ein bekannter Psychiater und Aktivist, ist auf Trauma und Krisensituationen spezialisiert.

Traumata und Depressionen

In der Türkei sind nach offiziellen Angaben mehr als drei Millionen syrische Flüchtlinge registriert. Von den zwei Millionen Einwohnern in Gaziantep sind nach Schätzungen alleine 300.000 Syrer. Sie hätten »großen Bedarf« an psychischer Unterstützung, sagt Nofal.

Laut einer Studie des schwedischen Roten Kreuzes von Ende 2016 leidet einer von drei syrischen Flüchtlingen unter psychischen Problemen wie Depression, Angststörung und posttraumatischem Stresssymptom. Eine Feststellung, die Nofal bestätigt. Die meisten seiner Patienten litten unter Traumata und Depressionen.

Letzteres vor allem wegen der schweren Lebensbedingungen in der Türkei und der Angst vor der Zukunft. Manche arbeiteten 14 oder 15 Stunden am Tag, viele davon schwarz.

Landleute im Einsatz

Daher sei es auch wichtig, dass zur Behandlung Landsleute wie er eingesetzt werden. Der Meinung ist auch Psychologin Rouba Droish. Die 29-jährige Syrerin arbeitet in einem Projekt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Gaziantep, ebenfalls mitfinanziert von der EU. »Weil ich Syrerin bin, kann ich verstehen, was die Leute durchgemacht haben.«

33 Syrer und drei Türken arbeiten hier als Ärzte oder Krankenschwestern. Vom Husten bis zur Psychotherapie – für jeden Fachbereich ist ein Arzt da. Das Gesundheitszentrum ist ausschließlich eine Anlaufstelle für Syrer, die davor zur Behandlung in ein türkisches Krankenhaus gehen mussten. Die verantwortliche Krankenschwester Elif Gül sagt: »Es war eine große Last für das türkische Gesundheitssystem. Durch die syrischen Ärzte wird das nun entlastet. Und früher gab es auch Übersetzungsprobleme, die wir jetzt nicht mehr haben.«

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Für mich ist es besser, wenn ich nach Deutschland gehe. Aber wenn ich hier bleibe, ist es besser für die Syrer.

Rouba Droish

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Aber es gibt auch Schwierigkeiten: Arbeitsgenehmigungen sind schwer zu erhalten. Nofal und Droish haben diesbezüglich Glück gehabt.

An eine Rückkehr nach Deutschland verschwendet Nofal keinen Gedanken. Auch Psychologin Droish will erst mal in Gaziantep bleiben. »Für mich ist es besser, wenn ich nach Deutschland gehe. Aber wenn ich hier bleibe, ist es besser für die Syrer.«

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