So versucht die Familie des verstorbenen Harun Aydurmus mit ihrem Verlust fertig zu werden »Wir sind keine Opfer«

Löhne (WB). Mit dem Tod von Harun Aydurmus (49), der am Vatertag Opfer einer Prügelattacke am Löhner Bahnhof geworden war, hat sich viel im Leben seiner Witwe Yasmine und der sechs Kinder geändert. Doch die Hinterbliebenen selbst möchten nicht als Opfer gesehen werden.

Von Sonja Gruhn
Kaan (von links), Yasmine, Songül und  Selin versuchen mit den anderen Familienmitgliedern ein möglichst normales Leben zu führen. Aber nicht nur Bilder, wie dieses, das Yasmin hält und Kaan  mit seinem Vater vor ein paar Jahren  zeigt, erinnern an den Verlust.
Kaan (von links), Yasmine, Songül und Selin versuchen mit den anderen Familienmitgliedern ein möglichst normales Leben zu führen. Aber nicht nur Bilder, wie dieses, das Yasmin hält und Kaan mit seinem Vater vor ein paar Jahren zeigt, erinnern an den Verlust. Foto: Sonja Gruhn

Knapp drei Monate sind seit dem Vorfall vergangen. »Ich habe immer das Gefühl, dass er noch da ist. Alles hier erinnert mich an Harun«, sagt Yasmine Aydurmus. Genauso geht es ihren Kindern. »Wenn ich nach Hause komme, denke ich, dass Papa da gleich in Pose steht und sagt: Komm Selma, Tango«, sagt die Zweitälteste.

Liebevolle Erinnerungen an den Vater

»Ja, er hat mit uns auch Walzer getanzt oder sich mit den Kleineren am Boden gewälzt«, fügt Songül (25) hinzu. Die Erinnerungen, die sie alle teilen, überschlagen sich beinahe. »Papa war ein toller Geschichtenerzähler und hat immer irgendwelche lustigen Sprüche gemacht«, sagen seine Kinder.

»Es ist so ruhig hier geworden, der Spaß ist aus dem Haus raus«, sagt Yasmine. Auf dem Sideboard im Wohnzimmer steht ein weiteres Bild, das den Familienvater und drei seiner Kinder zeigt. »Das haben wir im Büro gefunden unter einem Stapel Papiere. Es ist schon ein paar Jahre alt«, sagt Songül.

Eine große Stütze ist der Familie neben ihrem Zusammenhalt auch ihr Glaube: »Wenn jemandem durch einen anderen das Leben genommen wird, dann ist dieser Mensch nicht wirklich tot, er ist dann an einem anderen Ort«, erklärt Yasmine, die einen Second-Hand-Laden für Kinderbekleidung und Spielzeug betreibt.

Eigentlich hatte sie überlegt, den Laden zu schließen. »Aber das ist von heute auf morgen nicht möglich. Wir haben die Sachen hier ja in Kommission. Und ich habe auch gemerkt, dass mir die Beschäftigung hilft. Deshalb werde ich das Geschäft mit der Zeit etwas verkleinern, aber nicht aufgeben«, sagt sie. Zudem unterstützen ihre Kinder sie.

Verarbeitung eines Traumas

Bereits kurz nach der Beerdigung hatte sich Tochter Songül darum gekümmert, dass ihre Mutter und ihre Geschwister psychologischen Beistand bekommen.

Während ihre Mutter Hilfe der Traumaambulanz in Bielefeld in Anspruch nimmt, werden ihre jüngsten Geschwister, Selin (11) und Kerem (8), vom Jugendamt und vom Verein Karlsson in Bielefeld, betreut. »Die wussten schon Bescheid, als ich dort angerufen habe«, sagt Songül. Der 14-jährige Kaan habe sich noch nicht dafür entschieden, Hilfe in dieser Art anzunehmen.

»Die Betreuer sind erst zu uns gekommen, um die Kinder kennenzulernen, und haben sie dann mitgenommen. Sie gehen zum Reiten, zum Schwimmen und machen Tagesausflüge. Es tut den Kindern gut. Besonders, als hier jeden Tag noch viel Besuch war, kam das Ganze immer wieder hoch«, sagt Yasmine.

Ihr jüngster Sohn Kerem leide besonders. »Als ich neulich am Computer saß, kam er gleich an und fragte: ›Schaust du dir Bilder von Papa an?‹«, erzählt Songül. Und seine Mutter hat Kerem gebeten, Menemen, ein Gericht, dass sein Vater gerne zubereitet hat, zu kochen.

Auch Songül will sich so schnell wie möglich Hilfe holen. »Denn inzwischen weiß ich nicht mehr damit umzugehen. Anfangs war ich diejenige, die einen klaren Kopf behalten hat. Aber ich merke, dass ich immer mehr auseinander bröckele, wie ein Puzzle, von dem man Stücke weg nimmt.

Zwischen Wut und Ohmacht, Mitleid und Anfeindung

Ich reagiere auch sensibler, es ist so eine Mischung zwischen Wut und Ohnmacht«, versucht sie zu beschreiben. »Ich kann an etwas Schönes denken, das ich mit Papa erlebt habe. Aber das Gefühl dahinter ist leer. In mir sind tausend Gedanken, für die ich keine Worte finde. Das erschreckt mich.«

Sie versuche, die Realität so weit wie möglich von sich fern zu halten. »Ich möchte nicht darüber nachdenken, dass mein Papa mich nie wieder in den Armen halten wird«, sagt Songül. Trotzdem unterstützt sie weiter ihre Mutter, die mittlerweile vergesslich geworden sei. »Sie vergisst sogar ihre Tabletten.«

Sehr wichtig ist der Familie Aydurmus, dass sie von anderen Mitmenschen normal und nicht mitleidig behandelt wird. »Wir sind keine Opfer«, betonen sie.  Allerdings habe es auch Anfeindungen anstelle von Mitleid gegeben.

So habe sich Kaan, der beim VfL Mennighüffen Fußball spielt, von einem Jungen aus der gegnerischen Mannschaft anhören müssen: »Wenigstens habe ich einen Vater.« Allen sei die Situation sehr peinlich gewesen, aber Yasmine meint, dass der Junge selbst nicht wirklich gewusst habe, was er da sagt: »Er ist ja noch ein Kind.« Aber es habe auch Sprüche wie »Dein Vater hat es verdient zu sterben« oder »Er ist selbst schuld gewesen« gegeben – harte Worte, die selbst wie Waffen verletzen können.

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