Kurt Niemeier (74) und Friedel Kämper (80) haben den Luftangriff auf Löhne-Bahnhof miterlebt »Es war gespenstisch«

Löhne (WB). Auch wenn Kurt Niemeier (74) wenige Erinnerungen an die Kriegsjahre hat, so ist dem damals Vierjährigen der Luftangriff auf Löhne am 14. März 1945 als besonders schlimmes Ereignis im Gedächtnis geblieben. Ebenso seinem Sportkameraden Friedel Kämper (80).

Von Sonja Gruhn
Kurt Niemeier (links) zeigt in Richtung Löhne-Bahnhof. Der Ortsteil war am 14. März 1945 das Angriffsziel der Bomber. Für den damals Vierjährigen ist dieser Tag ein schlimmes Erlebnis gewesen. Auch Friedel Kämper kann sich noch gut daran erinnern.
Kurt Niemeier (links) zeigt in Richtung Löhne-Bahnhof. Der Ortsteil war am 14. März 1945 das Angriffsziel der Bomber. Für den damals Vierjährigen ist dieser Tag ein schlimmes Erlebnis gewesen. Auch Friedel Kämper kann sich noch gut daran erinnern. Foto: Sonja Gruhn

Kurt Niemeier wohnte damals im Steinsiek in der Nähe der heutigen Realschule. Sein Vater war im Krieg, kehrte später aber zurück. »An dem Tag war ich mit meiner Mutter im Garten. Sie bereitete die Beete für die Aussaat vor, als die Markierungen sichtbar wurden«, sagt Niemeier. Gemeint sind die Rauchbomben, die für die Bomber als Zielmarkierungen abgeworfen wurden. »Wir haben alles stehen und liegen lassen und sind in den Keller unseres Hauses gelaufen«, erinnert er sich. Bis zur ersten Angriffswelle habe es nicht lange gedauert. »Es gab erhebliche Explosionen. Selbst im Keller war die Druckwelle zu spüren.«

Vier Bomben schlugen in unmittelbarer Nähe ein

Zwei Bomben schlugen im Garten der Niemeiers ein, eine weitere in dem der Nachbarn. »Das Haus gegenüber wurde getroffen. Alle Fensterscheiben in unserem Haus sind zerplatzt, das Dach war teilweise abgedeckt und einige Türen waren aus der Verankerung gerissen worden. Wir haben sehr viel Glück gehabt«, sagt der 74-Jährige. Im Haus hatten sie sich nicht mehr sicher gefühlt. »Nach der ersten Angriffswelle gab es eine kurze Pause. Wir sind mit einigen anderen in dem verstärkten Keller eines Hauses an der Königstraße, untergekommen. Es gehörte einem Bauunternehmer.« Doch selbst dort bekamen die Schutzsuchenden die starken Erschütterungen durch die Explosionen mit.

»Das Haus gegenüber war etwa 15 Meter entfernt, wurde voll getroffen und die Menschen im Keller verschüttet. Es gab etliche Tote.« Ein Großteil der Bomben sei auf freies Gelände gefallen, dorthin, wo heute das August-Griese-Berufskolleg steht. »Dort war ein Bombentrichter neben dem anderen.« Mit seiner Mutter Lina ging Niemeier nach dem Angriff nach Hause.

Etliche Häuser waren zerstört und brannten

»Sie hat sofort ihr Fahrrad fahrbereit gemacht, einen Weidenkorb angebracht und mich hineingesetzt. Dann sind wir los Richtung Besebruch zu meinen Großeltern. Wir mussten die Königstraße hinunter. Dort waren etliche Häuser zerstört, viele brannten. Auch die Kirche stand in Flammen. Als wir daran vorbei fuhren, stürzten Teile des Daches in die Kirche«, sagt Niemeier. Auf ihrem Weg mussten sie durch Trümmer, die auf der Straße lagen. »Es war alles grau vom Qualm. Wir haben uns mit Mühe durchgeschlängelt.«

Der Gefahr sei er sich damals nicht so bewusst gewesen, aber: »Die Bilder sind immer noch da. Noch Jahre später bin ich nachts von den Träumen aufgewacht. Aber die Zusammenhänge, und wer gegen wen gekämpft hat, sind nicht in meiner Erinnerung.«

Bewusster hat Friedel Kämper die Kriegsjahre erlebt. Sein Elternhaus stand am Dickendorner Weg in Löhne-Ort etwa einen Kilometer Luftlinie von der Bahn entfernt. »Dort waren 1939 die ersten Bomben gefallen«, sagt er. Erinnerungen hat er an abgestürzte Flugzeuge und die Tiefflieger, die den Bahnkörper entlangflogen und auf die Züge schossen. »Am Bahnhof gab es mehrere Flakstellungen«, erzählt der 80-Jährige.

Fabrik bekam mehr als 50 Volltreffer ab

»Am 14. März 1945 wollte meine Mutter zu dem Geburtstag einer Tante. Sie ging gerade Richtung Brunnenstraße, als der Angriff begann und kam sofort zurück zum Haus gelaufen.« Auch Kämper erlebte, wie das Haus durch die Explosionen vibrierte. »Richtung Norden waren die Scheiben kaputt. Nach der ersten Angriffswelle sind wir raus aus dem Keller. Überall stieg Rauch auf. Die Bauernhöfe brannten, und die Düngemittelfabrik hatte mehr als 50 Volltreffer abbekommen. Sie war völlig zerstört.«

Ebenso der daneben liegende Hof, der Kurt Niemeiers Onkel gehörte. »Nach der zweiten Welle haben wir den brennenden Turm der Mahnener Kirche gesehen. Es war gespenstisch«, sagt Kämper. »Als ich die Twin Towers in Amerika habe einstürzen sehen, musste ich wieder daran denken. Wieviel drum herum zerstört worden war, haben wir erst später gesehen.« Die Höfe, innerhalb eines Radius von 200 Metern um den Bahnhof, deren Besitzer Niemeier und Kämper weitgehend aufzählen konnten, seien alle »platt« gewesen.

Aus den Waggons Ware organisiert

»Nachdem der Krieg beendet war, begann 1945 die schönste Zeit meines Lebens«, sagt Kämper. Der Rangierbahnhof sei voll mit Waggons gewesen, die mit Waren und Fahrzeugen beladen waren. »Wir sind immer morgens zum Bahnhof gegangen und haben alles mögliche ›organisiert‹. Wir hatten alles, was wir brauchten. MG-Gurte, Leuchtspurmunition und Kohle. In einem Waggon waren Fässer mit Sirup. Einer der Jungs ist darauf gestiegen. Der Deckel klappte um, er ist in eines eingebrochen und kam allein nicht wieder aus der klebrigen Masse heraus. Und aus den kleinen Fallschirmen der Notsignale für die Schifffahrt haben unsere Mütter Badehosen genäht«, erzählt Friedel Kämper. »Für uns Kinder war es eine tolle Zeit.«

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