Brigitte Bickmeier aus Paderborn (82) erinnert sich an Evakuierung und schöne Zeiten Ulenburg war im Krieg Ersatzschule

Löhne (WB). Februar 1944: Es herrscht Krieg in Deutschland, Kinder werden in weniger von Luftangriffen bedrohten Gebiete untergebracht – in sogenannte KLV-Lager. Für die damals elfjährige Brigitte Bickmeier ist das Ziel dieser Kinderlandverschickung das Schloss Ulenburg in Mennighüffen.

Von Sonja Gruhn
Noch heute erinnert sich Brigitte Bickmeier aus Paderborn gerne an ihren Aufenthalt auf Schloss Ulenburg. Als Elfjährige war sie während des Krieges 1944 für einige Monate im Rahmen der Kinderlandverschickung dorthin evakuiert worden.
Noch heute erinnert sich Brigitte Bickmeier aus Paderborn gerne an ihren Aufenthalt auf Schloss Ulenburg. Als Elfjährige war sie während des Krieges 1944 für einige Monate im Rahmen der Kinderlandverschickung dorthin evakuiert worden. Foto: Besim Mazhiqi

71 Jahre ist her, dass sie dort trotz des Krieges eine »wunderschöne Zeit« verbringen konnte. Brigitte Bickmeier (82) lebt heute in Paderborn und ist durch die Berichterstattung über den Verkauf der Ulenburg an ihren Aufenthalt dort erinnert worden. Aufgewachsen war die gebürtige Münsteranerin in Bielefeld-Gadderbaum, wo sie erst die Volksschule und dann die Sareptaschule in Bethel besuchte. Doch dann wurden die Schulen evakuiert, und auch in Bielefeld begann die Kinderlandverschickung.

Wie im Internat

»Es gab Lager beispielsweise in Österreich. Aber meine Eltern wollten nicht, dass ich so weit weg bin«, erzählt die Seniorin. So kam sie nach Löhne in die Ulenburg. »Es war eine schöne Zeit. Wir haben dort vom Krieg nichts mitbekommen. Und als Mädchen in einem Schloss mit den Wendeltreppen und den großen Sälen zu wohnen, das war etwas ganz Besonderes.« Der Aufenthalt sei wie in einem Internat gewesen.

Noch heute erinnert sich die 82-Jährige an den imposanten Anblick, als sie das Schloss zum ersten Mal erblickte. »Damals haben wir die Ulenburg durch den Vordereingang betreten. Später war der jedoch meistens geschlossen. Ich glaube, weil ein Kind ertrunken war.« Die Klassen seien kleiner gewesen als heute. »Ich denke wir waren jeweils so etwa 20 Mädchen.« Sie schliefen in großen Sälen, wo etwa ein Dutzend Kinder Platz fand. »Auch das war sehr schön, wir konnten so viel Unfug machen«, sagt Brigitte Bickmeier und lacht. »Doppelstöckige Betten kannten wir vorher nicht. Darauf konnte man herrlich herumturnen.« Gegessen wurde in dem großen Rittersaal. »Dort waren lange Tische aufgestellt. Wir bekamen unsere Gerichte mundgerecht kleingeschnitten serviert. Das muss viel Arbeit gemacht haben. Ich hätte in der Küche nicht arbeiten wollen«, sagt Brigitte Bickmeier. Und das mussten die Mädchen auch nicht.

»Es war alles etwas musisch gehalten. Wir hatten Musikunterricht, und unser Lehrer gab ab und zu abends ein Konzert.« Die Mädchen spielten beispielsweise »Räuber und Gendarm«, und Gymnastikübungen gab es im Schlosspark. Nicht so beliebt war bei Brigitte Bickmeier der allmorgendliche Waldlauf vor dem Frühstück. »Es war sehr kalt. Das Frühstück war dann bitter nötig.« Ansonsten hat die damals Elfjährige nicht viel von der Umgebung gesehen. Ganz genau erinnert sie sich an den Direktor, der jung verheiratet war. »Dann wurde das Lenchen geboren. Alle Mädchen waren verrückt nach dem Baby. Es gibt ein Foto, wo wir alle um den Kinderwagen herumstehen.«

Im August 1944 war ihr Vater eingezogen worden. »Meine Mutter versuchte alles, um mich zurück zu holen.« Nach zahlreichen Anträgen war Brigitte Bickmeier im Oktober eine der ersten Schülerinnen, die nach Hause durften. Immer mehr verließen danach die Ulenburg. »Meine Mutter hatte offenbar den richtigen Riecher gehabt. Ich habe später gelesen, dass die Verantwortlichen irgendwann abgehauen sein sollen und die Älteren allein dort gelassen haben. In dem Bericht stand auch, dass zwei Mädchen in der Nähe bei der Gärtnerei bei einem Angriff ums Leben gekommen sind.«

Haus der Familie wurde bombardiert

Sie wisse zwar nicht, um wen es sich gehandelt hat, ist sich aber sicher, die beiden gekannt zu haben. »Ich schaue mir immer wieder die Fotos an und frage mich, wer es wohl war.« Den Bericht habe sie inzwischen weggeworfen. Die Erinnerung sei zu schrecklich. »Bis dahin hatte ich die Gefahr durch den Krieg nicht so wahrgenommen. Als ich wieder Zuhause war, ging es dann richtig los.« Am Nikolaustag wurde das Haus der Familie bombardiert. »Wir zogen zu der Schwester meiner Mutter nach Paderborn.« Doch als dort vermehrt die Bomben fielen, kehrten sie wieder zurück. »Das Haus ist bei dem großen Angriff auf Paderborn am 27. März ausgebrannt.«

Heute noch einmal die Ulenburg zu besuchen, ist der Seniorin zu beschwerlich: »Es wäre wohl auch eine arge Enttäuschung. Die Zukunft des Schlosses ist für mich nicht mehr interessant«, sagt sie und betrachtet die Schwarz-Weiß-Fotos vom Schloss und den anderen Mädchen in ihrem Album.

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