Freundeskreis hilft Suchtkranken beim Start in ein neues Leben »Ich habe mich endlich wieder wertgeschätzt gefühlt«

Hiddenhausen (WB). »Mein ganzes Denken war nur noch davon bestimmt, wie ich an meinen Alkohol komme und die Sucht verheimliche«, blickt Oliver Hesse zurück. Seit zwei Jahren ist der 47-Jährige trocken. Der Freundeskreis Suchtkrankenhilfe hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Von Ruth Matthes
Der Schritt weg vom Alkohol erfordert viel Kraft. Der Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe, der kreisweit 35 Mitglieder hat, möchte diese Menschen unterstützen. Die Gruppenabende – meist kommen acht bis 15 Personen – sind jeden Donnerstag.
Der Schritt weg vom Alkohol erfordert viel Kraft. Der Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe, der kreisweit 35 Mitglieder hat, möchte diese Menschen unterstützen. Die Gruppenabende – meist kommen acht bis 15 Personen – sind jeden Donnerstag. Foto: Jens Büttner/dpa

»Ich habe hier nach dem Entzug Menschen gefunden, die Gleiches erlebt haben und wissen, wie sich ein Suchtkranker fühlt«, sagt Hesse. »In der Gruppe habe ich mich nach langer Zeit wieder wertgeschätzt gefühlt. Ich habe gelernt, wieder Menschen an mich heranzulassen.« Hier habe er Vorbilder gefunden, die es geschafft hatten, von der Droge loszukommen. Von ihren Erfahrungen habe er auf seinem Weg profitiert.

»Selbsthilfe bedeutet wirklich, sich selbst zu helfen«, betont Heiner Zöllner, Geschäftsführer des Hiddenhauser Freundeskreises für Suchtkrankenhilfe, und erklärt: »Wer zu uns kommt, der bekommt keine Lösung für seine Probleme vorgesetzt. Vielmehr hilft hier jeder sich selbst und dadurch dem anderen, sich selbst zu helfen.« Durch das Erzählen des Erlebten, das Teilen der Sorgen und Nöte im geschützten Raum erleichtere man sein Herz und andere könnten zugleich für sich etwas daraus ziehen. »Durch die Gespräche bekommt man den Mut, sich mit seiner eigenen Geschichte zu beschäftigen«, sagt Hesse.

Sucht hat Vorgeschichte

Sucht habe immer eine Vorgeschichte: sei es elterliche Vorbelastung, Einsamkeit, Alltagsprobleme, über die man nicht sprechen kann, oder Traumata aus der Kindheit. Meist sei es ein schleichender Prozess. Aus eigener Erfahrung weiß Zöllner, wie zerstörerisch der Alkohol sein kann. Er und seine Frau Carmen feiern in diesem Jahr ihre Goldhochzeit – und zugleich die Tatsache, dass sie beide seit 25 Jahren trocken sind.

»Wir sind gemeinsam abhängig geworden und haben es mit Hilfe einer Blaukreuzgruppe auch gemeinsam geschafft, uns der Sucht zu stellen«, erzählen sie. »Man macht sich lange vor, man könne einfach aufhören. Die Zahl der Feierabendbierchen steigt ständig, bis man ohne Alkohol nicht mehr schlafen, nicht mehr funktionieren kann.« Jobverlust, Geldprobleme, all das kennen die beiden selbst zur Genüge.

Junge oft mehrfachabhängig

Die Selbsthilfegruppe, die sich donnerstags ab 19 Uhr im AWO-Treffpunkt Unter der Weide trifft, ist nicht nur für Alkoholkranke und deren Angehörige, sondern auch für Abhängige anderer Stoffe offen. »Die jungen Leute sind heute oft mehrfachabhängig«, so Zöllner. Mit seiner Frau leistet er auch Präventionsarbeit mit Schülern.

»Ein Hauptproblem ist, dass Alkohol gesellschaftlich akzeptiert ist. Wer trinkt, gehört dazu, wer es nicht mehr möchte, braucht viel Achtsamkeit sich selbst gegenüber und Selbstbewusstsein, um das durchzusetzen«, sagt Carmen Zöllner. Zu erreichen ist das Ehepaar unter Telefon 05221/63751.

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