Interview mit dem Kabarettisten über sein Programm »Volksbegehren« – Auftritt in Herford Jürgen Becker: »Wir Menschen sind immer noch Tiere«

Herford (WB). Ganz viel Psychologie, verbunden mit dem herzlich-respektlosen Humor des Rheinländers: In seinem Programm »Volksbegehren« erweist sich Jürgen Becker als Freud-Kenner mit Humor. Am 22. März tritt der Kabarettist in Herford auf – für Hartmut Horstmann ein Anlass, ein Interview mit ihm zu führen.

Jürgen Becker lässt es sich auch an ungewöhnlichen Orten gut gehen. Im Interview verrät der Kabarettist unter anderem, was Sex mit Humor zu tun hat.
Jürgen Becker lässt es sich auch an ungewöhnlichen Orten gut gehen. Im Interview verrät der Kabarettist unter anderem, was Sex mit Humor zu tun hat. Foto: Simin Kianmehr

In der Werbung für Ihr Programm heißt es: Das Publikum darf sich beim Liebesspiel mit Worten aufs angenehmste gekitzelt fühlen. Wie geht das?

Auftritt im Stadttheater

»Volksbegehren – Die Kulturgeschichte der Fortpflanzung«: Diesen Titel trägt Jürgen Beckers aktuelles Kabarettprogramm, das er am 22. März im Herforder Stadttheater präsentiert. Beginn ist um 20 Uhr.

In »Volksbegehren« geht es um den Menschen und seine Begierden. Oder wie es im Programmheft heißt: »Etwas muss ja dran sein am Sex. Jedenfalls hat sich der Austausch von Körperflüssigkeiten zwecks Fortpflanzung bei 99 Prozent der Tierarten durchgesetzt.«

Jürgen Becker: Na ja, das ist erst einmal ein Wortspiel, denn Lachen und Lust hängen ja zusammen. Freud hat alle Probleme des Menschen aus seiner Haltung zur Sexualität erklärt. Und der Humor hat damit auch zu tun.

So gibt es bei Freud das Ich, das Es und das Über-Ich. Letzteres nennt der Kölner »Üvver mich« und meint das, was der Nachbar über mich sagt. Die Angst vor dem Gerede kann der Lust im Wege stehen. Wenn es nicht zum Sex kommt, entlädt sich das in Humor – zum Beispiel in dem, was man Freudsche Fehlleistungen nennt. Man möchte sagen: Die Herforder kicken gerne und sagt aus Versehen dasselbe Wort mit f, also: Die Herforder kiffen gerne.

Fallen die Reaktionen – je nach Geschlecht – unterschiedlich aus?

Becker: Nein, kann man nicht sagen. Ich höre hinterher oft, dass mein Programm die Leute berührt hat. Es hat ja auch einen großen persönlichen Anteil. Und es ist mit der Erkenntnis verbunden, dass man im Alter nicht zwangsläufig weniger Sex hat.

Ist der Zuhörer nach einem Abend mit Jürgen Becker der gleiche wie vorher?

Becker: Ja, das will ich hoffen. Das Kabarett ist nicht so mächtig, dass es die Menschen verändern könnte. Aber es kann erheitern.

Wenn das Publikum enttäuscht ist, bleibt immer noch das Kölsch. Werden Sie auch in diesem Jahr in Herford Freibier spendieren?

Becker: Ja. Aber die, die enttäuscht sind, würden nach dem Auftritt mit mir kein Kölsch trinken. Es kommen die, die sich freuen. Dass das Bier nachher immer komplett weggetrunken ist, werte ich als positives Zeichen.

In einem früheren Programm standen die Weltreligionen auf dem Prüfstand, jetzt geht es um die Fortpflanzung in der Natur. Warum immer die ganz großen Themen?

Becker: Weil diese viel mit unserem Verhalten zu tun haben. An der MeToo-Debatte zeigt sich das besonders. Wir Menschen sind immer noch Tiere. Und das, was da an Beispielen wie Harvey Weinstein oder Dieter Wedel zum Vorschein kommt, beschämt uns. Gleichzeitig wollen wir aber immer alles über Sex wissen.

Die deutsche Sprache hat in diesem Zusammenhang eine sehr gute Begrifflichkeit: Unter der Gürtellinie. Diese Linie immer wieder neu auszuloten – das bereitet in der Kunst und im Kabarett eine große Freude.

Religionen seien Schuldgefühle mit Feiertagen, haben Sie im Religionsprogramm gesagt. Wenn das stimmt, dann sprechen Sie jetzt über die Feiertage. Welches Thema ist dankbarer?

Becker: Das Programm über das Volksbegehren kann ohne die Religion nicht auskommen. Im Sex ist ja immer etwas Anarchisches enthalten. Ich habe versucht herauszufinden, wann es in der Religion mit der Sexfeindlichkeit angefangen hat. Dabei bin ich auf den Heiligen Augustinus gestoßen, der eine Sexualität ohne Lust gefordert hat.

Ihr Kollege Henning Venske hat seinen Abschied von der Bühne angekündigt. Wie sieht es bei Ihnen aus? Können Sie sich als Bühnenmensch ein bewusstes letztes Mal vorstellen?

Becker: Kaum, aber ich würde das vom Publikum abhängig machen. Solange die Leute mich sehen wollen, mache ich weiter. Kabarett ist ja für beide Seiten gesund. Klatschen kann das Publikum auch aus Höflichkeit, lachen aber nicht.

Haben Sie schon mal einen Punkt erreicht, an dem Sie dachten: Ich habe alles gesagt?

Becker: Nein, noch nie! Dafür bin ich viel zu neugierig.

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