Fluss in Herford um zwei Meter abgesenkt – Experten kontrollieren Wehr – Neunaugen gerettet Wandern in der Werre

Herford (WB). Das Szenario erinnert an die Gezeiten: Am Mittwoch ist das Bergertor-Wehr zwecks Risikoanalyse erstmals seit 2006 wieder komplett abgesenkt worden und hat mitten im Fluss eine große Sandbank freigelegt. Für drei Stunden konnte man in der Werre wandern.

Von Moritz Winde
Eine ungewöhnlichere Kulisse gibt es kaum: Ivonne Prante knipst ihre Mama Uli Kiessner in der leer gelaufenen Werre.
Eine ungewöhnlichere Kulisse gibt es kaum: Ivonne Prante knipst ihre Mama Uli Kiessner in der leer gelaufenen Werre. Foto: Moritz Winde

Stämme, Räder und ein Badewanne

Um 8.30 Uhr werden die Schleusen geöffnet. 18.000 Liter Wasser rauschen jetzt durch die kleine Wehrklappe – pro Sekunde wohlgemerkt. Ein ohrenbetäubendes Getöse. Die Strömung ist so stark, dass alles Richtung Lübbertor mitgerissen wird – Baumstämme, Fahrräder und sogar eine Badewanne.

Wie berichtet, müssen die Experten freie Sicht auf das 1971 errichtete Bauwerk haben, um alle Teile genau zu kontrollieren. Von ihren Gutachten wird es abhängen, was wann repariert oder erneuert werden muss. Es geht um Millionen. Am Dienstag war bereits ein Taucher im Einsatz, um Unter-Wasser-Aufnahmen zu machen.

Absenkung dauert nur eine Stunde

Eine Stunde dauert es, dann kann dort gelaufen werden, wo der Pegelstand sonst fast zwei Meter misst. Ivonne Prante nutzt die Chance. Sie steigt mit ihrer Mutter Uli Kiessner ins leere Flussbett, um unter dem Schild »Achtung Wehr, Lebensgefahr« ein Foto zu knipsen. Die Anwohnerin der Salzufler Straße sagt, sie verfolge die Debatte um die Renaturierung mit Sorge. »Niemand weiß, was mit unseren Häusern bei einer Absenkung passiert.«

Währenddessen überprüft Ingenieur Jens Kögel die Kolbenstange des Hydraulik-Antriebs, der das Wehr auf Knopfdruck rauf- und runterfahren lässt. »Die Schutzschicht des Stahls ist abgenutzt. Eine Muldenkorrosion ist erkennbar. Hier muss zeitnah gehandelt werden, sonst könnte das Material brechen.« Grundsätzlich geben die Spezialisten dem Wehr-Zustand aber eine recht gute Note.

Wirbeltiere im Sand gefangen

Biologe Heinrich Linnert klaubt derweil Dutzende Neunaugen – das sind fischähnliche Wirbeltiere – aus dem Sand und setzt sie zurück ins Nass. Erst nach dem Lebensretter-Einsatz richtet er den Blick aufs große Ganze – doch dann kommt bereits das Wasser zurück.

Weil der Fluss am Bergertor komplett abgesenkt wurde, wird eine große Sandbank sichtbar. Der »Strandwall« ragt etwa 20 Meter in die Werre. Zuletzt gab es dieses Szenario im Jahr 2006. Foto: Winde

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