Schauspieler spricht über seine Jugend, über MeToo, über Theater und Musik Gustav Peter Wöhler: »Mein Vater hätte mir den Arsch versohlt«

Herford (WB). Egal ob als Schauspieler oder als Sänger: Wenn Gustav Peter Wöhler nach Herford kommt, hat er ein Heimspiel. Am 17. April ist er mit dem Landestheater Detmold zu Gast – für Hartmut Horstmann ein Anlass, mit dem 61-Jährigen ein Interview zu führen. Wöhler spricht über die MeToo-Debatte, über seine Jugend in Eickum, über die Musik und sein neues Stück.

Nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Sänger ist Gustav Peter Wöhler mittlerweile bekannt. Mit seiner Band war er schon oft in Herford zu Gast.
Nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Sänger ist Gustav Peter Wöhler mittlerweile bekannt. Mit seiner Band war er schon oft in Herford zu Gast. Foto: dpa/Bodo Marks

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Gustav Peter Wöhler: Mich überrascht die Vehemenz. Dass es sexuelle Übergriffe gab, überrascht mich nicht, denn die gibt es in allen Bereichen. Warum sollte die Filmbranche davon ausgenommen sein? Was dort jetzt allerdings alles hochkommt, die Vielzahl der Vorwürfe, das überrascht mich schon. Und es ist erschreckend. 

Der junge Gustav Peter Wöhler: Mit seiner Band »Airbreak« trat er 1978 beim Umsonst-und-Draußen-Festival auf. Foto: privat

Wenn die Anschuldigungen stimmen, warum haben die Opfer so lange geschwiegen? Hat kein Mitschauspieler etwas bemerkt?

 Wöhler: Ich bitte Sie! Wenn ein Mitschauspieler etwas bemerkt und nichts gesagt hat, dann ist es ein Verbrechen. Die Opfer hatten wohl das Gefühl, unter Druck gesetzt worden zu sein. Es gibt auch hier starke Persönlichkeiten, die den anderen in die Schranken weisen, und es gibt ängstliche Charaktere. Bei einer Vergewaltigung wird ein Mensch zutiefst zerstört, da können Angst, Verunsicherung und Scham eine große Rolle spielen. Aber jetzt ist die Lawine losgetreten worden.

Der Schauspieler und Sänger Gustav Peter Wöhler wurde am 31. Juli 1956 geboren. Er ist in Eickum aufgewachsen, wo seine Eltern eine Gastwirtschaft besaßen. Eine wichtige Rolle für seine berufliche Entwicklung spielte ein Religionslehrer. Der Pädagoge erkannte das schauspielerische Talent seines Schülers und half ihm bei der Vorbereitung auf die Schauspielschule in Bochum. Heute ist Gustav Peter Wöhler, der in Hamburg und in Berlin einen Wohnsitz hat, ein gefragter Film- und Theaterschauspieler. Hinzu kommen die Auftritte mit der Gustav-Peter-Wöhler-Band. Am 17. April gastiert er mit dem Landestheater Detmold in Herford. Um 20 Uhr beginnt die Aufführung des Schauspiels »Das Fest« Weitere Termin: www.gustavpeterwoehler.de

Erstaunlich scheint vor allem die Macht der Regisseure? Gibt es da einen Unterschied zum Theater?

Wöhler: Nein, da sehe ich keine großen Unterschiede. Wenn jemand Macht hat, besteht auch immer die Gefahr, dass diese Macht missbraucht wird. Theater- und Filmleute stehen nur eher im Blickpunkt. Wichtig ist, dass die MeToo-Diskussion auch im Alltag geführt wird.

In Ihrer Heimatstadt Herford sind Sie in den vergangenen Jahren vor allem mit Ihrer Band aufgetreten. Ist Ihnen die Musik so wichtig wie die Schauspielerei?

Wöhler: Ähnlich wichtig oder vielleicht sogar gleichwertig. Ich fühle mich als Sänger so wichtig wie als Schauspieler. Auch wenn die Musik als Hobby angefangen hat, verdiene ich mittlerweile damit auch mein Geld.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Lieder aus? Singen Sie als Homosexueller auch Liebeslieder, in denen es um eindeutige Mann-Frau-Beziehungen geht?

Wöhler: Tue ich fast immer. Es gibt doch kaum schwule Lieder. In den meisten Liebesliedern wird die Liebe zwischen Mann und Frau besungen. Wenn ich ein Lied covere, ändere ich den Text nicht. Wenn über eine Frau gesungen wird, singe ich über eine Frau. Liebe ist Liebe.

Es gibt Bilder, die zeigen Sie mit ihrer alten Band im August 1978 bei Umsonst und Draußen in Porta Westfalica. Welche Erinnerungen haben Sie an das Festival?

Wöhler: Dort hatte ich einen der letzten Auftritte mit meiner Band »Airbreak«. Es war die Zeit, in der ich mich entscheiden musste, ob ich bei der Musik bleiben oder zur Schauspielschule in Bochum gehen wollte. Was das Festival angeht, so erinnere ich mich, dass ich viele Brote geschmiert habe. Ich erinnere mich an das Konzert von Brühwarm, an Rio Reiser, der auch da war, an den Auftritt von Embryo. Es war eine tolle Zeit.

 Wie war das mit den schauspielerischen Ambitionen?

Wöhler: Ich hatte schon die Zusage von der Schauspielschule. Allerdings war ich mir unsicher, ob ich das wirklich wollte. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis mir klar war, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

 

Sie haben immer mal wieder über Ihre Situation als homosexueller Jugendlicher auf dem Lande gesprochen. Was wäre passiert, wenn Sie sich geoutet hätten?

Wöhler: Oh, da wäre viel passiert. Viel Negatives. Damals war Homosexualität verboten, ich wäre also ins Gefängnis gekommen. Zudem hatte meine Familie eine Gastwirtschaft, und da wären die Leute wohl nicht mehr in die Kneipe gegangen. Und mein Vater hätte mir den Arsch versohlt. Das war eine andere Zeit.

Wenn Sie heute nach Eickum kommen, sind Sie nicht mehr der kleine Junge, sondern der Star. Empfinden Sie Genugtuung?

Wöhler: Was heißt Genugtuung? Ich freue mich, dass zu meinen Konzerten viele Leute von früher kommen und mich sehen wollen. Außerdem sehe ich mich nicht als Star. Ich bin ein Schauspieler, der ab und zu im Fernsehen auftritt.

Im April kommen Sie mit dem Stück »Das Fest« nach Herford, das Sie mit dem Landestheater Detmold einstudiert haben. Dort spielen Sie einen finsteren Patriarchen. Fällt es Ihnen schwer, sich in eine solche Person hineinzuversetzen?

Wöhler: Das ist keine einfache Aufgabe. Ich will niemand sein, der Kinder missbraucht, und ich will kein patriarchalisches Arschloch sein. Aber ich muss diese Figur so spielen, dass sie glaubwürdig wird. Ich kann verstehen, wenn Leute nach der Aufführung sagen: Ich will mit solchen Menschen nichts zu tun haben.

Sie sind nicht zuletzt für Ihr komisches Talent bekannt, da ist die gänzlich unkomische Rolle in »Das Fest« bemerkenswert. Muss ein guter Schauspieler alles spielen können?

Wöhler: Ja, ein guter Schauspieler sollte jede Figur darstellen können – egal ob komisch oder tragisch. Es kann höchstens sein, dass die Talente unterschiedlich gewichtet sind.

Wenn Sie an die Auftritte in all den Jahren zurückdenken – gibt es für Sie einen Abend, der aus allem herausragt?

Wöhler: Musikalisch war es auf jeden Fall mein Konzert in der Elbphilharmonie – ein ganz großes Erlebnis. Als Schauspieler denke ich da an meinen ersten Auftritt im Jahr 1981 in Bochum. Gespielt wurde »Hohn der Angst«, es war für mich ein bewegender Augenblick.

Hatten Sie auch schon mal das Gefühl, sich furchtbar blamiert zu haben?

Wöhler: Ja, manchmal schon. Aber oft ist es so, dass man denkt, man sei schlecht gewesen, und Leute sagen: Du warst heute toll. Allerdings hatte ich auch schon einmal einen richtigen Blackout auf der Bühne. Das muss Mitte der 80er Jahre gewesen sein. Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte, und ich habe auch die Souffleuse nicht verstanden. Dann bin ich einfach von der Bühne gegangen. Es ist der Albtraum eines jeden Schauspielers und in dem Augenblick ist dieser Albtraum wahr geworden.

Haben Sie eine absolute Traumrolle, die Sie irgendwann gerne einmal spielen möchten?

Wöhler: Nee, habe ich nicht.

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