AOK lehnt wohnortnahe Versorgung in Herford wegen fehlender Zulassung ab Weite Wege für kranke Marie

Herford (WB). Marie hat eine sehr seltene Blutgerinnungsstörung. Und ist sie an Kinderrheuma erkrankt. Alle vier Wochen muss die Achtjährige Medikamente nehmen. Die intravenöse Behandlung dauert mehrere Stunden. Doch das Mädchen aus Herford darf nicht mehr dort im Klinikum versorgt werden – so will es die AOK Nordwest.

Von Moritz Winde
Die Eltern Enver und Marcella Vural spielen mit ihren Töchtern Marie und Melissa am Wohnzimmertisch.
Die Eltern Enver und Marcella Vural spielen mit ihren Töchtern Marie und Melissa am Wohnzimmertisch. Foto: Moritz Winde

Für die Eltern ist die Entscheidung der Krankenkasse nicht nachzuvollziehen. »Wir wohnen 300 Meter vom Klinikum entfernt, müssen aber zur Uniklinik nach Münster. Das sind pro Strecke 120 Kilometer. Da geht ein ganzer Tag drauf«, sagt Enver Vural, der als Unternehmer arbeitet. Mehrfach habe die Familie bereits das Gespräch mit der AOK gesucht – ohne Lösung.

»Wir könnten sie ohne Probleme hier behandeln«

Privat-Dozent Dr. Boris Utsch, Chefarzt der Herforder Kinderklinik, betont, dass man

Etwa alle vier Wochen benötigt Marie spezielle Medikamente – und zwar ihr ganzes Leben lang. Die Behandlung dauert mehrere Stunden. Für das Mädchen ist diese Prozedur bereits Routine.

Marie gerne weiterhin helfen würde. »Wir könnten sie ohne Probleme hier behandeln«, stellt der Mediziner klar. Das Problem: Das Klinikum verfügt zwar über das Wissen, nicht aber über die notwendige Zulassung für die Medikamentengabe, dürfte diesen Dienst also eigentlich gar nicht anbieten. In der Vergangenheit konnten die Kosten – pro Sitzung sind es 94,08 Euro – über Umwege abgerechnet werden. Doch das lehnt die AOK inzwischen ab.

AOK-Sprecher Jörg Lewe erklärt, dass es nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht jedem Krankenhaus möglich sei, an der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung teilzunehmen. »Hierzu bedarf es einer durch den Zulassungsausschuss der Ärzte und Krankenkassen erteilten Ermächtigung. Die ambulante vertragsärztliche Versorgung wird vorrangig durch niedergelassene Vertragsärzte sichergestellt.«

Die Diagnose: angeborener Mangel an Faktor XIII

Marie kam als gesundes Mädchen zur Welt – dachten zumindest alle. Bis sie im Alter von vier Jahren von der Schaukel fiel und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt. Mutter Marcella Vural erinnert sich: »Das waren schreckliche Momente. Marie musste mehrere Stunden notoperiert werden. Ihr wurden Platten und Schrauben in den Kopf eingesetzt.« Als sich die Wunde auch Wochen nach dem Eingriff nicht schloss, sondern immer wieder neues Blut aus der Narbe sickerte, wurde die Mutter skeptisch und drängte auf weitere Untersuchungen. Die Diagnose: angeborener Mangel an Faktor XIII, also eine Erkrankung mit erhöhter Blutungsneigung.

Nach Angaben der Interessengemeinschaft Hämophiler (Hämophilie = Bluterkrankheit) leidet gerade einmal einer von vier Millionen Menschen an dieser Form der Blutgerinnungsstörung. Ohne Therapie besteht die Gefahr spontaner Blutungen und verstärkter Blutungen nach operativen Eingriffen und kleineren Verletzungen. Dazu zählen Muskel- und Gelenkblutungen, aber auch lebensbedrohliche Gehirnblutungen.

Als wäre dies nicht schon tragisch genug, stellte man bei Marie zudem Kinderrheuma fest. »Sie entwickelte regelmäßig Fieberschübe mit Temperaturen über 40 Grad. Dabei hatte sie gar keinen Infekt. Außerdem schwollen ihre Gelenke extrem dick an«, sagt Vater Enver Vural.

»Wir haben es doch schon schwer genug«

Maries Eltern vermuten, dass das Rheuma im Zusammenhang mit einer Impfung stehen könnte. Gegen die Schmerzen bekommt die Schülerin Krankengymnastik und Medikamente – allerdings nicht mehr im Klinikum.

AOK-Sprecher Jörg Lewe: »Wir haben die Familie darüber informiert, dass die ambulante Behandlung nicht nur im Universitätsklinikum Münster, sondern auch wohnortnah im Krankenhaus Bethel sowie in einer niedergelassenen Arztpraxis in Bad Oeynhausen durchgeführt werden kann und die Kosten von uns getragen werden.«

Marcella Vural entgegnet: »Anfangs waren wir mit Marie in Bethel. Dort musste sie aber den ganzen Tag bleiben. In Herford wurde sie nach der Schule behandelt. Die von der AOK vorgeschlagene Arztpraxis kann leider nur das Medikament gegen die Blutgerinnungsstörung geben.« Und weiter: »Wir haben es doch schon schwer genug. Weshalb ist plötzlich im Klinikum nicht mehr möglich, was vorher so gut funktionierte? Warum müssen wir unter den Abrechnungs-Vorschriften leiden?«

Das Klinikum Herford hat nach eigenen Angaben mittlerweile eine Zulassung für die ambulante Medikamentengabe beantragt. Wann darüber entschieden wird, ist unklar.

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