Bundesweit zu viele Unfälle: Rückwärtsfahrten bald die Ausnahme – Straßen in Herford werden geprüft Gefährliche Müllwagen-Manöver

Herford (WB). Sackgassen-Bewohner aufgepasst: Noch in diesem Jahr könnte es für einige zu Veränderungen bei der Müllabfuhr kommen. Weil es in Deutschland immer wieder Unfälle mit Schwerverletzten und Toten gibt, wie etwa im Oktober in Bad Salzuflen , dürfen Müllfahrzeuge nur noch unter ganz bestimmten Voraussetzungen rückwärts fahren.

Von Moritz Winde
In der Graf-Kanitz-Straße wird’s richtig eng, ohne Einweiser wäre die Rückwärtsfahrt viel zu gefährlich. Der Müllwagen ist 15 Meter lang und wiegt mehr als 20 Tonnen. Immer wieder kommt es in Deutschland zu schweren Unfällen.
In der Graf-Kanitz-Straße wird’s richtig eng, ohne Einweiser wäre die Rückwärtsfahrt viel zu gefährlich. Der Müllwagen ist 15 Meter lang und wiegt mehr als 20 Tonnen. Immer wieder kommt es in Deutschland zu schweren Unfällen. Foto: Moritz Winde

Wer haftet im Ernstfall?

Das schreibt die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung vor, die die Bestimmungen für die Abfallentsorgung verschärft hat. Zwar setzt diese Branchenregel kein eigenes Recht. Sie fasst lediglich geltendes Recht im Arbeitsschutz zusammen und gibt den Unternehmen entsprechende Empfehlungen, wie sie die Sicherheit und Gesundheit ihrer Beschäftigten und Dritter gewährleisten können. Aber wer haftet im Ernstfall?

Ein-Mann-Fahrzeug: Diesen automatischen Seitenlader hat die SWK aus Sicherheitsgründen bereits aus dem Verkehr gezogen. Foto: Moritz Winde

Derzeit wird deshalb das gesamte Straßennetz in Herford einer Gefährdungsbeurteilung unterzogen. Die entscheidende Frage lautet: Kann der Abfall ohne Risiko eingesammelt werden? Schon jetzt zeichnet sich ein klares Bild ab: Nein!

Wolfgang Rullkötter, Geschäftsführer der von der Stadt beauftragten Servicegesellschaft für Wirtschaft und Kommunen (SWK), sagt: »In 130 von 750 Straßen fahren wir derzeit rückwärts. Ich gehe davon aus, dass es bei knapp der Hälfte dieser Straßen oder Teilen davon Probleme gibt. Vor allem da, wo es eng und unübersichtlich ist.«

Seitenlader aus Verkehr gezogen

Als erste Konsequenz hat die SWK ihren automatischen Seitenlader Ende 2017 aus dem Verkehr gezogen. Das Fahrzeug verfügte lediglich über eine Ein-Mann-Besatzung und war damit für den Einsatz zu heikel. »Wir als Unternehmen haben eine Fürsorgepflicht – gerade auch unsere Mitarbeitern gegenüber«, betont Wolfgang Rullkötter.

Der 60-Jährige sagt, er sei froh, dass dieses wichtige Thema endlich angegangen werde. »Bundesweit sterben jedes Jahr drei bis fünf Menschen bei Unfällen mit Abfallfahrzeugen im Rückwärtsgang. Die meisten davon sind übrigens die eigenen Leute.«

Schon jetzt achtet die SWK bei der Touren-Planung darauf, Rückwärtsfahrten zu vermeiden. Doch bei Sackgassen ist das naturgemäß in vielen Fällen nicht möglich. Dort, wo Rückwärtsfahren auch zukünftig erlaubt ist, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Dies betrifft sowohl die Länge der Strecke – sie darf nicht länger als 150 Meter sein –, als auch deren Ausbauzustand. An beiden Längsseiten des Müllwagens muss ein Sicherheitsabstand von mindestens einem halben Meter sein.

Einweiser ist Pflicht

Zwingend erforderlich sei es jedoch, dass ein Einweiser auf den Fahrzeugen vorhanden ist, sagt Wolfgang Rullkötter. »Der speziell geschulte Einweiser soll die Gefährdung vor Ort minimieren.« Auch technisch wird aufgerüstet. Die SWK-Müllfahrzeuge sind mit Rückfahrkameras ausgestattet, zudem sollen sie nach und nach mit einem automatischen Bremssystem versehen werden.

Zur weiteren Gefahrenreduzierung sollen für die Problem-Straßen folgende Aspekte geklärt werden: Kommt der Bau eines Wendehammers in Frage? Müssen Sträucher geschnitten oder Bäume gefällt werden? Können Parkverbote helfen? Sind Sperrpfosten im Weg? Wolfgang Rullkötter: »Wir versuchen, die Auswirkungen für die Anwohner so gering wie möglich zu halten. Aus diesem Grund denken wir auch darüber nach, kleinere, wendigere Fahrzeuge zu kaufen.«

Und wenn all dies nichts hilft? Dann müssten die Leute ihre Tonnen und Säcke zur nächsten Straße bringen oder einen kostenpflichtigen Müll-Abhol-Service engagieren. Wolfgang Rullkötter: »Es ist ein reines Verliererthema. Egal, was wir machen: Alle werden nicht zufrieden sein.«

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