Bernd Gieseking präsentiert Jahresrückblick – Seit Dezember wohnt er wieder in Minden Rückkehr nach Ostwestfalen

Herford (WB). Kabarett sei nur möglich durch die Schwächen der Politik, meint Bernd Gieseking. Was bedeutet: Wenn die Politiker Angriffsflächen bieten, sichert ihm das seinen Arbeitsplatz – und seinen »Jahresrückblick«. Hartmut Horstmann spricht mit dem Kabarettisten über das Jahr 2017.

Bernd Gieseking im Foyer des Herforder Stadttheaters: Am 1. Februar präsentiert der Kabarettist in Herford seinen obligatorischen Jahresrückblick »Ab dafür!«. Im Interview spricht er über Trump, Merkel und die Nähe zu seinen Eltern.
Bernd Gieseking im Foyer des Herforder Stadttheaters: Am 1. Februar präsentiert der Kabarettist in Herford seinen obligatorischen Jahresrückblick »Ab dafür!«. Im Interview spricht er über Trump, Merkel und die Nähe zu seinen Eltern. Foto: Hartmut Horstmann

Die für Sie vermutlich wichtigste Veränderung im Jahr 2017: Sie sind zurück in Ihre Heimatstadt Minden gezogen. Haben Sie das Gefühl, endgültig wieder zuhause zu sein? Oder ist es eine Etappe?

Bernd Gieseking: Die Frage kommt zu früh. Bisher wohnen sowieso nur meine Kartons in Minden, ich selber bin auf Tournee. Der Umzugswagen kam kurz vor Weihnachten und bisher ist nur das Wohnzimmer begehbar. Richtig auspacken kann ich erst im März. Zuhause fühle ich mich trotzdem schon, die Wohnung hat einen fantastischen Blick zur Porta – ähnlich wie damals aus meinem Heimatdorf Kutenhausen über die Felder.

Eine wichtige Rolle bei dem Umzug spielen Ihre Eltern. In ihrem neuen Buch beschreiben Sie, wie Sie für ein paar Wochen im Wohnwagen neben dem Elternhaus übernachten. Warum nicht im Haus?

Gieseking: Mir war das Haus emotional zu eng. Ich brauchte, obwohl ich da sein wollte, eine kleine Distanz. Im Wohnwagen hatte ich quasi mein Büro und meine Wohnstatt. Und es war extrem romantisch damit in unserem Garten. Jeden Morgen um fünf Uhr kam der Fasan vorbei und weckte mich! Und abends besuchten mich alte Freunde. Es war herrlich.

Wirkt sich der Umzug von Dortmund nach Minden langfristig auch auf Ihre Tourneeplanung aus?

Gieseking: Nein, gar nicht. Dortmund war für mich zwar wunderbar zentral und einige Touren werden nun länger – durch Entfernung und zusätzliche Übernachtungen. Aber das ist in unserem Beruf letztlich normal. Wir Kabarettisten wohnen ja alle irgendwo, auch die Berliner Kollegen reisen bis München und umgekehrt. Wirklich schwierig ist der Beruf für Insulaner. (lacht)

Doch jetzt zum Rest der Welt, um den es ja in dem Jahresrückblick geht. Was überwiegt 2017? Das Positive oder das Negative?

Gieseking: Ich bin viel zu positiv in meiner Grundhaltung, als dass ich das Negative nach vorn stellen würde. Trotzdem gibt es einiges in Deutschland und international, das mich sorgt.

Ein Beispiel?

Gieseking: Der Rechtsruck und Rechtsdruck in unserer Gesellschaft, der Verlust an humanitärem Handeln und Bewusstsein. Dies ist zu sehen an Gaffern und Katastrophentouristen, an diesen für mich unfassbaren Angriffen auf Rettungskräfte. In der internationalen Politik das stete Muskelspiel eines Trump, die Unberechenbarkeit eines Erdogan.

In einem Interview sagten Sie vor einem Jahr, Trump werde unterschätzt. Witze über ihn seien wie ein Pfeifen im Walde. Hat sich Ihre Einschätzung, aus der ja auch Respekt spricht, bewahrheitet?

Gieseking: Ich würde das nicht Respekt nennen, sondern Sorge. Was sich im Agieren von Trump zeigt, hat immer wieder beinah krankhafte Züge, eine Mischung oft aus Hybris und Eitelkeit mit Anflügen von Größenwahn. Ich vermisse Demut, Interesse, Lernbereitschaft und vor allem Kompromissfähigkeit.

Vor Jahren formulierten Sie einmal, Merkel sei unkaputtbar. Christian Lindner sieht dies offenbar anders. Aber kann Deutschland überhaupt ohne Merkel?

Gieseking: Da sprach aus mir zwar der Satiriker, aber im Prinzip habe ich ja Recht behalten. Und wenn sie will, sitzt sie auch einen Jens Spahn locker aus. Trotzdem ist sie natürlich – wie fast jeder Mensch – ersetzbar. Aber sie ist klug und im Unterschied zu ihren Amtsvorgängern scheinbar nur wenig eitel. Sie wird versuchen, Ende und Nachfolge klug und vor allem selbst zu gestalten. Ihre Sympathie für Frau Kramp-Karrenbauer ist dabei unübersehbar.

Immerhin bietet das Scheitern der Jamaika-Verhandlungen reichlich Spekulationsstoff. Geben Sie in Ihrem Programm eine Antwort, warum es nicht geklappt hat?

Gieseking: Natürlich gebe ich eine Antwort, als Satiriker muss ich! Obwohl ich grundsätzlich lieber Fragen an die Politik stelle. Die Frage ist oft interessanter als die Antwort.

Okay. Aber wenn in einem Interview die Fragen interessanter wären als Ihre Antworten, hätten Sie ein Entertainment-Problem. Oder?

Gieseking: (lacht) Meine Einlassung bezog sich auf Kabarett-Programme. Interviews haben andere Regeln. Interviews sind im besten Fall ein Walzertanz zwischen dem Fragesteller und dem Antwortenden – es können sich beide Seiten auszeichnen. Das ist im Kabarett anders, Kabarett ist nur möglich durch die Schwächen der Politik.

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