Streit um Tablettengabe: Arbeitsgericht Herford kippt fristlose Kündigung wegen formaler Fehler Altenpflegerin aus Löhne zu Unrecht gefeuert

Herford/Löhne (WB). Eine 54-jährige Altenpflegerin aus Löhne hat erfolgreich gegen ihre fristlose Kündigung geklagt. Am Donnerstag hat das Arbeitsgericht Herford ihre Entlassung wegen formaler Fehler für unwirksam erklärt.

Von Moritz Winde
Hat eine Altenpflegerin einer Kollegin gegen deren Willen das Beruhigungsmittel Tavor verabreicht? In diesem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung.
Hat eine Altenpflegerin einer Kollegin gegen deren Willen das Beruhigungsmittel Tavor verabreicht? In diesem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung. Foto: Moritz Winde

Abfindung in Höhe von 28.000 Euro vereinbart

Jetzt muss der Träger, das evangelische Pertheswerk in Münster, seiner Ex-Mitarbeiterin eine Abfindung in Höhe von 28.000 Euro zahlen und die fristlose in eine ordentliche Kündigung umwandeln. Zwar besteht eine 14-tägige Widerspruchsfrist, allerdings ist nicht davon auszugehen, dass dieser Vergleich platzt.

16 Jahre lang hatte die examinierte Altenpflegerin im Altenwohnheim Mennighüffen gearbeitet – bis sie am 13. September 2017 von heute auf morgen vor die Tür gesetzt wurde. Der Vorwurf: Sie soll eine Kollegin dazu genötigt haben, eine Tavor-Tablette zu schlucken. Bei diesem Präparat handelt es sich um ein starkes, rezeptpflichtiges Beruhigungsmittel, dessen Wirkung in hohen Dosen mit der von K.O.-Tropfen vergleichbar ist.

Situation eskalierte am frühen Abend

Wie sich im Laufe der fast dreistündigen Verhandlung herausstellte, herrschte am 21. August in dem Wohnheim im Ortskern wegen Krankheit akute Personalnot. »Ich war am Nachmittag mit einer ungelernten Kraft für 55 Bewohner zuständig. Viele von ihnen litten unter Demenz«, sagte die 54-Jährige. Richter Joachim Kleveman stellte fest: »Die Mitarbeiter waren mit der Situation überfordert.« Die Leiterin des Pflegeheims erklärte, dass diese Besetzung nicht die Regel, aber rechtlich nicht zu beanstanden sei.

Am frühen Abend eskalierte die Lage: Eine Pflegerin, die ihren Dienst wegen des personellen Engpasses ihren Dienst früher begonnen hatte, erlitt einen Nervenzusammenbruch. Nach Ansicht des Trägers soll die 54-Jährige daraufhin diese Mitarbeiterin gezwungen haben, das starke Medikament zu nehmen. »Stimmt nicht! Haben Sie schon einmal versucht, einer jungen Frau eine Tablette gegen ihren Willen zu geben?«, fragte die Altenpflegerin.

Nach zwei Wochen einen neuen Job

Was tatsächlich passiert ist, blieb am Donnerstag offen, da es widersprüchliche Aussagen gab. Vielleicht kann die Staatsanwaltschaft Licht ins Dunkel bringen. Sie ermittelt wegen des Verdachts der Körperverletzung. Das mutmaßliche Opfer hatte Anzeige erstattet.

Allerdings stellte sich vor Gericht heraus, dass die Mitarbeitervertretung (MAV) von der Heimleiterin nicht umfassend über den Vorfall informiert wurde. »Eine ordnungsgemäße Anhörung der Mitarbeiterin hat nicht stattgefunden. So konnte sich die MAV keine Meinung bilden«, monierte Richter Kleveman. Warum die MAV der Kündigung dennoch zustimmte, ist unklar.

Die 54-Jährige hatte übrigens innerhalb von zwei Wochen einen neuen Job.

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