Mutmaßlicher IS-Anhänger festgenommen: Sicherheitsbehörden wissen mehr über Sebastian B. (27) als dessen Nachbarn Der unbekannte Nachbar

Herford (WB). Ein Säugling schreit hinter der Tür im vierten Stock. »Der Junge ist erst ein paar Tage alt«, sagt Hausbesitzer Nexat Hyseni. Gerade hat er die Tür ausgetauscht, die SEK-Beamte am Morgen zertrümmert hatten. Jetzt ist die Frau mit dem Kind alleine. Polizisten haben den Lebensgefährten der Muslimin mitgenommen. Der Deutsche soll IS-Kämpfer sein.

Von Christian Althoff
Sebastian B. lebte unauffällig. Nachbarn, die noch unter dem Eindruck des SEK-Einsatzes standen, wussten nicht viel über ihn zu sagen
Sebastian B. lebte unauffällig. Nachbarn, die noch unter dem Eindruck des SEK-Einsatzes standen, wussten nicht viel über ihn zu sagen Foto: Christian Althoff

Sebastian B. ist in der DDR geboren. Im Oktober 1987 in Frankfurt an der Oder. In Herford ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen. Wie er mit dem Islam in Kontakt kam und radikalisiert wurde, ist bisher nicht öffentlich bekanntgeworden. Etwa 2011 soll Sebastian B. konvertiert sein. Den Sicherheitsbehörden sind regelmäßige Besuche in der Assalam-Moschee an der Ahmser Straße in Herford bekannt – eine Moschee, von der Ermittler vermuten, dass hier junge Menschen für den Dschihad angeworben werden. Beweise dafür gibt es aber wohl nicht.

Weitere Salafisten-Treffpunkte in Herford sollen einen Auto-HiFi-Werkstatt und eine Kampfsportschule sein. Hier verkehrte auch Sebastian B. regelmäßig mit seinen Freunden. »Er war in einer Clique aus Deutschen, Türken und Tschetschenen«, sagt Ahmad Chaaban, der Sprecher des Islamischen Zentrums Herford. Der Verein betreibt die Assalam-Moschee und bestreitet, von einer Radikalisierung einzelner Besucher etwas zu wissen. »Sebastian und die anderen sind nur zum Freitagsgebet in die Moschee gekommen. Sonst hatten wir zu denen keinen Kontakt«, sagt Chaaban. Sebastian B. sei nicht mit radikalen Äußerungen aufgefallen. »Wir haben auch nicht gewusst, dass er 2013 in Syrien gewesen sein soll.«

Die Clique, von der Ahmad Chaaban spricht – der Staatsschutz kennt sie näher. Auch ein 26-jähriger Tschetschene aus Grosny, der inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, soll dazugehören. Er soll im Guerillakrieg gegen Putins Truppen gewesen sein, gilt als hochgefährlich – und wohnt nur wenige Blocks von Sebastian B. entfernt.

Es war 6 Uhr, als Polizisten der Einsatzhundertschaft Bielefeld gestern Morgen den Westring sperrten – eine Straße am südlichen Stadtrand mit Mehrfamilienhäusern aus den 60er und 70er Jahren. In einem 14-Familien-Haus schlichen sich SEK-Beamte bis in den obersten Stock, um dann die Dachgeschosswohnung von Sebastian B. zu stürmen. Der Nachbar: »Ich hörte Schreie und hab' die Wohnungstür geöffnet. Da schrie ein vermummter Polizist: ›Tür zu! Polizei!‹ Ich habe gehorcht, und er hat von außen Klebeband auf meinen Türspion geklebt.«

Niemand durfte in den nächsten Stunden seine Wohnung verlassen. »Meine Tochter konnte nicht mal zur Schule«, erzählt eine Mieterin. Über Sebastian B. weiß sie wenig zu sagen. »Im Gegensatz zu anderen hat er im Treppenhaus immer gegrüßt. Aber näher gekannt habe ich den nicht.«

Auch für den unmittelbaren Nachbarn war Sebastian B. ein Unbekannter. »Klar ist mir aufgefallen, dass er einen recht langen Bart hat und seine Frau ihr Gesicht zum Teil verhüllt. Aber dass er etwas mit dem IS zu tun haben soll – darauf wäre hier nie jemand gekommen. Wir haben aber auch nie länger gesprochen.«

Sebastian B. sitzt jetzt in Karlsruhe in einer Gewahrsamszelle. Heute Nachmittag will ihm ein Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof den Haftbefehl wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrorvereinigung verkünden. Sebastian B. soll sich im August 2013 in Syrien dem Kampfverband »Muhajirun halab« (»Auswanderer von Aleppo«) angeschlossen haben, der zur Terrorvereinigung »JAMWA« (»Armee der Auswanderer und Helfer«) gehörte. 2013 schloss sich »Muhajirun halab« dem IS an, der einen islamischen Staat nach Scharia-Recht errichten will. Der Herforder soll als Logistik-Soldat an der Front eingesetzt gewesen sein.

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