Geschichtswerkstatt arbeitet Umbenennungen aus NS-Zeit auf Politisch brisante Straßennamen

Bünde (WB). Straßennamen können zum Politikum werden – das hat die Diskussion um die Lettow-Vorbeck-Straße gezeigt. Hier soll ein Zusatzschild die Rolle des Reichswehrgenerals kritisch darstellen. Dass derartige Information auch bei anderen Straßennamen möglicherweise Sinn machen würden, zeigt ein Blick in ein Internetportal, an dem Stadthistoriker Jörg Militzer mitgewirkt hat.

Von Hilko Raske
Jörg Militzer hat mit Mitgliedern der Geschichtswerkstatt die Namensgebung von Bünder Straßen zur NS-Zeit unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist in einem Internetportal das Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zu sehen.
Jörg Militzer hat mit Mitgliedern der Geschichtswerkstatt die Namensgebung von Bünder Straßen zur NS-Zeit unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist in einem Internetportal das Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zu sehen. Foto: Hilko Raske

»Die Straßenbenennungspraxis in Westfalen und Lippe während des Nationalsozialismus« nennt sich die Homepage. Sie gehört zum Projekt »Westfälische Geschichte«, ein Angebot, das das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und die Stiftung Westfalen-Initiative ins Leben gerufen hat. Federführend bei der kritischen Aufarbeitung der Straßennamen ist dabei der Historiker Marcus Weidner.

17 Neu- oder Umbenennung

»Vor einigen Jahren ist Marcus Weidner an mich herangetreten, um einen Überblick über Bünder Straßennamen und -umbenennungen während des Nationalsozialismus zu erhalten«, sagt Jörg Militzer. Viele derartige Anfragen seien bei ihm als Leiter der Bünder Geschichtswerkstatt gelandet. Es sei ein glücklicher Zufall gewesen, dass die Historie der Straßennamen zum damaligen Zeitpunkt ein Schwerpunkt der Geschichtswerkstatt war. Insoweit hatten ihre Mitglieder schon umfassende Recherchearbeit betrieben.

»Alles, was wir zu NS-Bezügen von Straßennamen hatten, stellten wir Weidner zur Verfügung«, so Militzer. Dabei habe man auch auf die Forschungsergebnisse von Norbert Sahrhage zurückgreifen können. 17 Neu- oder Umbenennung seien so zusammengetragen worden. Etliche sind inzwischen längst wieder Geschichte wie die Wilhelm-Gustloff-Straße (heutige Gasstraße). Aber auch so harmlos klingende Bezeichnungen wie der Frühlingsweg, den es noch heute gibt, sind durchaus politisch. Der Name wurde 1933 durch Beschluss des damaligen Bünder Bürgermeisters anlässlich »des Geburtstages des Führers, der den neuen deutschen Frühling brachte«, vergeben.

Was wird aus Carl-Diem-Straße?

Diskussionen könnte es vielleicht aber auch um Straßen geben, die nicht im Internetportal aufgelistet werden – zum Beispiel um die Carl-Diem-Straße im Stadtteil Dünne. In der Stadt Münster ist eine Straße dieses Namens vor Jahren umbenannt worden. Und auch in Osnabrück gibt es derartige Bestrebungen. Der Grund: Der Sportfunktionär Carl Diem – erster Direktor der Sporthochschule in Köln und Begründer des Deutschen Sportabzeichens – gilt aus Sicht von Historikern, obwohl kein Mitglied der NSDAP, als Mittäter und Sympathisant des NS-Regimes.

Mehr Infos gibt es im Portal »Westfälische Geschichte«.

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