Pfarrer haben zu Weihnachten viel zu tun Sieben Messen in drei Tagen

Bünde (WB). An Weihnachten gehört für viele Menschen der Gottesdienstbesuch zum Fest dazu, egal wie wenig man sonst mit der Kirche zu tun hat. Wie erleben Pfarrer diese besondere Zeit?

Von Raphael Steffen
Sieghard Flömer ist Pfarrer der evangelischen Lydia-Gemeinde.
Sieghard Flömer ist Pfarrer der evangelischen Lydia-Gemeinde.

Sieghard Flömer sitzt in seinem Büro und sagt: »Über Traditionalisten, die nur zu Weihnachten des Gefühls wegen in die Kirche kommen, will ich nicht urteilen.« Flömer ist seit zwölf Jahren Pfarrer in der evangelischen Lydia-Gemeinde. »Mein Anliegen ist es, ihnen einige Gedanken mit zu geben. Bei vielen bleibt eine Verbindung. Jeder soll etwas aus diesem Gottesdienst für sich mitnehmen.«

Apropos Gottesdienst: Flömer hält an den Feiertagen fünf davon. Zwei Krippenspiele und die Christmette an Heiligabend, zwei weitere am zweiten Weihnachtstag. »So habe ich einen Tag frei für meine Familie. Aber auch für mich wird das manchmal zum Stress«, bekennt er: »Meine Frau singt in der Kantorei. Einer von uns muss an Heiligabend immer weg.« Flömer ist Vater zweier Kinder im Alter von zwölf und 15 Jahren. Früher, als sie kleiner waren, war es schwieriger. »Ich versuche, mir schon in der Adventszeit einiges freizuhalten. Aber im Spätgottesdienst an Heiligabend komme auch ich zur Ruhe.«

Kaum freie Zeit

»Einen freien Tag kenne ich da gar nicht«, stellt Wolfgang Sudkamp, Pfarrer der katholischen Joseph-Kirche, fest: »Drei Messen Heiligabend, je zwei an beiden Feiertagen. Und dann kommen Silvester und Neujahr. Ich bereite mich früh darauf vor, um noch persönlich was davon zu haben.« Für Sudkamp stellt sich die Situation anders dar als für seinen evangelischen Kollegen: Als katholischer Priester unterliegt er dem Zölibat, eigene Familie hat er nicht. Zu kurz kommt das Private aber nicht: »Meine Mutter kommt zu Besuch, außerdem reisen mein Bruder und seine Familie an.«

Weihnachten ist auch die Zeit, in der Konflikte aufbrechen oder Einsamkeit spürbar wird. »Erst kürzlich war jemand bei mir, der sagte: Ich habe Angst, Weihnachten alleine zu sein«, so Flömer: »Auch das ist unserer Aufgabe, solche Menschen mit einzubinden.« In der katholischen Gemeinde findet nach der Spätmesse stets ein gemütliches Zusammensein statt. Früher, sagt Sudkamp, habe er sich über Leute geärgert, die nur zu Weihnachten den Kirchgänger in sich entdecken: »Jetzt nicht mehr. Irgendwas bewegt sie ja, zu kommen. Diese Nostalgie ist auch eine Sehnsucht nach Behütetsein, wie wir es aus der Kindheit kennen.«

Mehr Gelassenheit

In einem stimmen Flömer und Sudkamp überein: Weihnachten werde überfrachtet. »Viele bauen sich selbst unheimlichen Druck auf«, schildert Flömer: »Zum ›Fest der Familie‹ soll alles perfekt sein.« Auch Sudkamp erklärt: »Mehr Gelassenheit ist besser, man sollte die Ansprüche zurückschrauben.« Und in noch etwas sind sie sich einig. Flömer: »Ich wünsche mir, dass Weihnachten mehr Nachhall hätte. Dass wir uns die Frage stellen: Wie gehen wir miteinander als Menschen um?« Anstatt den ganzen Advent sinnlos zu feiern und nach Neujahr alles schnell wegzuräumen.

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