Fernsehgottesdienst in der Pauluskirche setzt sich Tschernobyl als Thema Predigt vor laufender Kamera

Bünde (WB). Wer am Sonntag, 17. April, um 9.30 Uhr den Gottesdienst in der Pauluskirche besucht, muss damit rechnen, ins Fernsehen zu kommen. Das ZDF überträgt seinen TV-Gottesdienst nämlich erstmals live aus der Pauluskirche. Wer dabei sein will, sollte bereits um 9 Uhr in der Kirchenbank Platz nehmen.

Von Kathrin Brinkmann
Laden zum Fernsehgottesdienst in die Pauluskirche ein: (von links) Hans-Martin Kiefer, Jürgen Steinmeier, Dietrich von Bodelschwingh und Pastor Rainer Wilmer. Hier zeigen sie am Modell, was für Häuser der Verein Heim-statt Tschernobyl in Belarus errichtet.
Laden zum Fernsehgottesdienst in die Pauluskirche ein: (von links) Hans-Martin Kiefer, Jürgen Steinmeier, Dietrich von Bodelschwingh und Pastor Rainer Wilmer. Hier zeigen sie am Modell, was für Häuser der Verein Heim-statt Tschernobyl in Belarus errichtet. Foto: Kathrin Brinkmann

Seit mehr als einem Jahr laufen die Planungen für diesen ganz besonderen Gottesdienst. »Eigentlich fing alles sogar bereits vor zwei Jahren an. Damals setzte sich Elke Rudloff, Senderbeautragte des ZDF, am Volkstrauertag inkognito in meinen Gottesdienst«, sagt Pastor Rainer Wilmer. Die Predigt und die Qualität der Kirchmusik müssen sie überzeugt haben. Denn wenig später schlug Rudloff die Lydiagemeinde als Veranstalter für den Fernsehgottesdienst vor.

Ein knappes Jahr dauerte es, bis alle Gremien ihre Zustimmung gaben. »Die Laurentiuskirche ist nicht tauglich für einen Fernsehgottesdienst. Sie wäre zu klein. Daher nutzen wir nun die Pauluskirche«, sagt Rainer Wilmer.

Thema Tschernobyl

Als Thema für den Gottesdienst wählte die ZDF-Beauftrage das Tschernobyl-Unglück aus, das sich am 26. April vor genau 30 Jahren ereignete. »Anknüpfungspunkt zu Bünde ist der Verein Heim-statt Tschernobyl«, sagt Pastor Rainer Wilmer. »Vor 30 Jahren waren auch die Nachbarländer vom radioaktiven Fallout betroffen, besonders Weißrussland«, sagt Dietrich von Bodelschwingh.

Um den Opfern der Katastrophe dauerhaft zu helfen, beteiligen sich Christen aus Bünde seit vielen Jahren am Umsiedlungsprogramm des von ihm und seiner Frau Irmgard von Bodelschwingh gegründeten Vereins Heim-statt Tschernobyl.

Der Verein steht vor einer tiefen Zäsur

Gemeinsam mit betroffenen Familien haben 1500 Freiwillige aus Bünde und Umgebung in Sommer-Workcamps 58 Häuser im nicht verstrahlten Norden des Landes errichtet. Der Gottesdienst unter dem Titel »Hoffnungsträger« soll anschaulich zeigen, dass Christen gegen alle Hoffnungslosigkeit gemeinsam mit langem Atem etwas bewegen können.

Dolmetscherin Alla Karol, die bei vielen Workcamps dabei war, wird aus dem Tagebuch einer Zeitzeugin lesen. Zudem wird der Verein Heim-statt Tschernobyl vorgestellt, der mit dem 59. Wohnhaus in Stary-Lepel die Umsiedlung beenden wird. »30 Jahre nach dem Beginn der Tragödie steht nun unser Verein vor einer tiefen Zäsur«, sagt von Bodelschwingh. Nach Beendigung der Umsiedlung müsse Heim-statt Tschernobyl sich neu erfinden und sehen, ob es Zukunftsaufgaben gibt. Hierüber will der Verein in der Mitgliederversammlung am 30. April diskutieren.

Ende nach 44.30 Minuten

»Der Bau eines russischen Kernkraftwerks in Ostrovez sticht uns ins Herz«, erklärt von Bodelschwingh. Nur 50 Kilometer von Drushnaja entfernt entstehe für 12 Milliarden Euro ein Atomkraftwerk, so als ob man nichts aus dem Gau vor 30 Jahren gelernt habe. Der Verein, der bereits drei Windkraftanlagen in Belarus errichtet hat, hat sich vorgenommen, nicht kampflos die Segel zu streichen, sondern plant bereits ein neues Projekt, um dem Bau des Atomkraftwerks etwas entgegenzusetzen.

Die Entwicklung vor Ort wird auch Thema des Gottesdienstes sein. »Wir wollen Hoffnung machen. Das, was an Begegnung geschehen ist, wird durch die aktuelle Entwicklung nicht entwertet«, betont Pastor Rainer Wilmer, für den es eine besondere Herausforderung sein wird, den Gottesdienst auf die Sekunde genau nach 44.30 Minuten zu beenden.

800.000 Zuschauer

»Für das Auge ist der Gottesdienst sonst eher arm an Bildern. Wir bemühen uns, das dieses Mal durch rasche Wechsel der Beteiligten zu ändern«, sagt Wilmer. Er rechnet damit, dass etwa 800.000 Zuschauer den Gottesdienst vor dem Fernseher verfolgen. »Toll wäre es natürlich, wenn wir die Pauluskirche richtig voll kriegen und die Bünder nicht den Fernseher einschalten, sondern vorbei kommen. Nicht, dass es Lücken in den Bankreihen gibt.«

Für den musikalischen Part sorgen der kleine Chor der Bünder Kantorei unter Leitung von Kirchenmusikdirektor Hans-Martin Kiefer mit Friederike Mayer-Flömer an der Flöte und Dr. Jürgen Wulf an der frisch gestimmten Orgel.

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