Ehemaliger Bünder Chefarzt besucht Flüchtlingscamps an nordgriechischer Grenze Europa endet in Idomeni

Bünde/Idomeni (WB). 11.000 Flüchtlinge sollen es sein, die derzeit rund um das griechische Dorf Idomeni campieren. Seit die Grenze zu Mazedonien geschlossen wurde, ist für die Menschen hier Endstation. Einen Eindruck von der Lage vor Ort machte sich nun Dr. Theophylaktos Emmanouilidis, Vorsitzender des Hammer Forums. Eine Woche lang sprach er mit den Flüchtlingen sowie den Mitarbeitern anderer Hilfsorganisationen und leistete Unterstützung.

Von Hilko Raske
In unmittelbarer Nähe zur mazedonischen Grenze haben sich rings um das Dorf Idomeni zahlreiche Flüchtlingslager gebildet. Die hygienischen Verhältnisse sind hier nach Einschätzung von Dr. Emmanouilidis katastrophal. Er befürchtet, dass hier Krankheiten wie Typhus und Cholera ausbrechen könnten.
In unmittelbarer Nähe zur mazedonischen Grenze haben sich rings um das Dorf Idomeni zahlreiche Flüchtlingslager gebildet. Die hygienischen Verhältnisse sind hier nach Einschätzung von Dr. Emmanouilidis katastrophal. Er befürchtet, dass hier Krankheiten wie Typhus und Cholera ausbrechen könnten.

Normalerweise setzt sich das Hammer Forum für die medizinische Versorgung von Kindern in Kriegs- und Krisengebieten ein. »Das hier war aber ein Einsatz, bei dem ich nicht als Arzt tätig wurde«, sagt der ehemalige Chefarzt des Bünder Lukas-Krankenhauses. Er schildert die Lage in den Flüchtlingscamps rund um Idomeni – das Dorf hat nur 120 überwiegend ältere Einwohner – als katastrophal und schockierend.

»Katastrophale hygienische Zustände«

Es herrsche Not und Elend. »Die hygienischen Zustände sind unvorstellbar. Das ist wie ein Rückfall in ein dunkles Zeitalter.« Die vorhandenen sanitären Einrichtungen würden bei weitem nicht ausreichen. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich zu den Krankheiten, die jetzt schon auftreten, noch Cholera und Typhus gesellen.« Die

Dr. Emmanouilidis (links) mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie.

Menschen würden in überfüllten Zelten wohnen – »vier Flüchtlinge teilen sich ein Zelt, das eigentlich für eine Person gedacht ist.«

Derzeit sei es in der Region nachts noch sehr kalt. Vor allem Kinder litten unter Erkältungen, Lungenentzündungen oder Durchfallerkrankungen. Im Krankenhaus der Kreisstadt Kilkis hätten die Ärzte innerhalb kurzer Zeit inzwischen fast 2000 Flüchtlinge untersucht und 356 von ihnen stationär behandelt. »Die Ärzte haben aber inzwischen ihre Leistungsgrenzen erreicht und sind völlig erschöpft.«

Es mangelt an Lebensmitteln

Ein Problem sei auch die Versorgung mit Essen. Es würden zwar Lebensmittel verteilt, aber für die Flüchtlinge sei das mit langen Wartenzeiten verbunden. Er selber habe drei Tage lang mit anderen Freiwilligen allein für das Frühstück 3000 belegte Fladenbrote geschmiert. »Das Hammer Forum hat sich an diesen drei Tagen auch an der Hälfte der Kosten beteiligt – insgesamt 3600 Euro.«

Die griechische Regierung, so sein Eindruck während seines einwöchigen Aufenthalts, würde die Flüchtlingcamps am liebsten schließen und halte sich deshalb bewusst mit Hilfeleistungen vor Ort zurück. »Sie hofft, dass die Menschen von alleine in die so genannten Hotspots gehen, in denen die Versorgung deutlich besser ist.« Täglich werde in mehreren Sprachen mit Megafonen darauf hingewiesen, dass die Grenze nicht mehr geöffnet ist und dass die Flüchtlinge sich doch in die Hotspots transportieren lassen sollten.

Viele junge Menschen helfen

Beeindruck habe ihn das Engagement vieler jungen Menschen, die aus ganz Europa gekommen seien, um den Flüchtlingen in Idomeni zu helfen. »Viele junge Spanier, Italiener, aber auch Polen und Serben engagieren sich hier.«.

Es werde sehr viel Solidarität bewiesen. Ein Arzt aus Deutschland sei beispielsweise mit einer ambulanten Klinik angereist, um medizinische Versorgung zu leisten.

»Politische Lösung erforderlich«

Dennoch sei die Situation sehr bedrückend. »Ich habe mich selten so machtlos gefühlt wie hier.« Eu­ro­pa verrate in Idomeni seine eigenen Werte. Die Menschenwürde, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit würden hier ignoriert. »Die europäische Union handelt nach der Devise ›Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen‹ in der Hoffnung, dass sich das Problem von alleine löst.«

Dabei sei eine politische Lösung erforderlich, um die eigentliche Ursache, den Krieg in Syrien, zu beenden und den Menschen die Heimkehr zu ermöglichen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.