Durch Softwarefehler versehentlich Daten geändert – 6200 Arbeitnehmer in NRW betroffen Steuerpanne: weniger Lohn

Bünde (WB). Mit der Gehaltsabrechnung vom September kam für Marina Wilhelms aus Bünde die böse Überraschung: Plötzlich wurden ihr nur noch 680 Euro ausgezahlt – rund 450 Euro weniger als sonst. Schuld ist ein Softwarefehler im Bundeszentralamt für Steuern. 6200 Arbeitnehmer in NRW sind betroffen.

Von Christina Ritzau
Weil durch den Softwarefehler in der Bundeszentrale versehentlich die Steuerklassen geändert wurden, hat Marina Wilhelms (36) aus Bünde im September rund 450 Euro weniger Lohn bekommen als sonst.
Weil durch den Softwarefehler in der Bundeszentrale versehentlich die Steuerklassen geändert wurden, hat Marina Wilhelms (36) aus Bünde im September rund 450 Euro weniger Lohn bekommen als sonst. Foto: Daniel Salmon

Statt der normalen Abrechnung gab es für die 36-Jährige Ende September drei dicke Umschläge mit Nachforderungen, rückwirkend seit Januar. Abgezogen wurde alles vom September-Lohn. Unterm Strich standen deswegen nur noch 680 Euro netto statt 1135 Euro. »Bei meiner Kollegin war aber alles normal«, wunderte sich die Bünderin, die halbtags im öffentlichen Dienst arbeitet.

Der Grund für den Schlamassel wurde erst auf den zweiten Blick ersichtlich: Die Steuerklasse war offensichtlich geändert worden, von 3 auf 4. »Ich hatte erstmal meinen Mann und seinen Steuerberater im Verdacht«, erzählt die zweifache Mutter, die sich zu dem Zeitpunkt schon Gedanken machte, wie sie Kita-Gebühren, Nachhilfe und sonstige Kosten bezahlen sollte. Doch ihr Mann wusste von nichts. Also ging Marina Wilhelms zum Finanzamt in Bünde.

Fehler liegt im Computersystem beim Bundeszentralamt in Bonn

Dort erfuhr sie: Beim Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) in Bonn gab es einen Fehler im Computersystem. Daraufhin wurde die Steuerklasse automatisch geändert und dem Arbeitgeber mitgeteilt. Der übernimmt die Daten in seine Software und erstellt damit die Gehaltsabrechnung. Gerade in größeren Unternehmen mit vielen Mitarbeitern fällt der Fehler also unter Umständen gar nicht auf.

»Auf Nachfrage hat man uns mitgeteilt, dass das Problem bundesweit besteht«, sagt Jan Wilhelms (53), der selbstständig ist. Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums in Berlin bestätigt das. Betroffen seien Arbeitnehmer in der Steuerklasse 3. Der Fehler sei schon im Juli aufgetreten – und zwar, als durch eine Überarbeitung der Software andere Fehler behoben werden sollten. Jetzt wiederum arbeite man an der Behebung des neuen Fehlers.

Unterdessen gibt es immer neue Fälle. Derzeit seien wieder besonders viele Arbeitnehmer betroffen, sagt der Sprecher. In NRW gab es nach Angaben des Finanzministeriums seit Juli mehr als 6200 Fälle, bundesweit mehr als 28 000. Bei einer Beschäftigtenzahl von rund 43 Millionen sei das ein geringer Anteil, meint der Sprecher.

Wer keine Steuererklärung abgibt, sollte sich melden

Ärgerlich ist es aber für jeden einzelnen. Die Betroffenen müssen sich selbst ans Finanzamt wenden und ihr Geld zurückfordern – persönlich oder schriftlich (siehe Kasten). Die Ämter hätten technisch keine Möglichkeit, die Fälle zu erkennen, so der Sprecher. »Spätestens bei der Einkommensteuererklärung wird alles nochmal nachgerechnet«, erklärt er. Wer jedoch keine Steuererklärung abgibt, sollte sich dringend beim Finanzamt melden und die Sache selbst in die Hand nehmen.

Obwohl Marina Wilhelms die Rückzahlung in die Wege geleitet hat, ärgert sie sich: »Die haben dadurch Zinseinnahmen, das ist ein Unding.« Schließlich bekomme sie erst mit der Abrechnung Ende Oktober ihr Geld zurück. »Und dann muss ich es wieder versteuern.«