DRK-Leiter Sven Kampeter und Notunterkunft-Leiter Frank Mäsker im Interview »Die Hilfsbereitschaft ist groß«

Bünde (WB). Die steigende Zahl der Flüchtlinge in unserer Stadt bleibt das bestimmende Thema in Bünde. Frank Mäsker, Notunterkunftsleiter in Ahle, und Rotkreuzleiter Sven Kampeter arbeiten täglich mit den Flüchtlingen. BZ-Mitarbeiter Niklas Krämer sprach mit den beiden über die aktuelle Entwicklung.

Frank Mäsker (links) und Sven Kampeter stellen sich im Interview den Fragen zur Notunterkunft Ahle.
Frank Mäsker (links) und Sven Kampeter stellen sich im Interview den Fragen zur Notunterkunft Ahle. Foto: Niklas Krämer

Am vergangenen Wochenende gab es eine Auseinandersetzung in der Notunterkunft in Rödinghausen. Wie ist die Situation in der Notunterkunft Ahle?

Frank Mäsker: Hier kann man von einem friedlichen Zusammenleben sprechen. Wir haben überhaupt keine Vorkommnisse dieser Art. In Ahle ist es ein sehr freundschaftliches und familiäres Miteinander.

Weshalb hört man immer wieder von Auseinandersetzungen zwischen Afghanen und Syrern?

Frank Mäsker: Ich würde es nicht unbedingt an diesen beiden Gruppen festmachen. Aber es gibt zwischen gewissen ethnischen Gruppen Spannungen, aus denen Streitigkeiten entstehen können. In Ahle gibt es höchstens kleine Streits, wenn etwa eine Gruppe früher beim Essen ist als die andere. Aber es geht da um Kleinigkeiten.

Wie genau wird die Essensausgabe geregelt?

Frank Mäsker: Bei uns sind Familien und Kinder als Erste an der Reihe. Danach dürfen die Männer den Essensraum betreten. Sie stehen in Reihen vor der Tür und werden von der Security nach und nach hineingelassen. Durch die Kontrollen sehen wir, dass sich keiner dreimal anstellt.

Sven Kampeter: Jeder Flüchtling hat ein Nummernbändchen und diese Nummern werden in einer Liste abgehakt.

Wie hat sich die Stimmung bei den Bürgern nach der Schlägerei in der Notunterkunft in Rödinghausen entwickelt?

Sven Kampeter: Einige Rödinghauser waren natürlich erst besorgt, als die Streifenwagen durch den Ort fuhren. Dadurch hat sich die grundlegende Stimmung aber nicht geändert. Für die Rödinghauser Kleiderkammer haben sich bereits 30 Freiwillige gefunden. Die Hilfsbereitschaft ist weiterhin groß.

In der Notunterkunft Ahle kamen in den vergangenen Tagen vermehrt Frauen und Kinder an. Wie wurde deren Unterkunft geregelt?

Frank Mäsker: Familien werden grundsätzlich immer zusammen untergebracht. Es gibt Familienzimmer, in denen zwei bis drei Familien leben. Wichtig ist uns, dass Familien nicht getrennt werden.

Was wird in der Notunterkunft Ahle unternommen, damit die Flüchtlinge eine sinnvolle Beschäftigung haben?

Frank Mäsker: Wir versuchen sowohl durch unsere Mitarbeiter als auch durch ehrenamtliche Helfer, Angebote anzubieten: Die Kirchengemeinde singt gemeinsame Lieder, es gibt Spiel- und Bastelangebote für Kinder oder Erwachsene und der Zauberer Ralf Köhricht ist aufgetreten. Wir geben schon erste Deutschkurse – auch wenn wir nur die wichtigsten Phrasen wie »Hallo« oder »Wie geht es dir?« vermitteln. Alle sind sehr lernwillig. Aber es ist alles zeitlich begrenzt, denn wenn die Flüchtlinge einem Ort zugewiesen wurden, verlassen sie uns sofort wieder. Deshalb können wir nur eine kleine Starthilfe geben.

In Rödinghausen wurde eine Kleiderkammer eingerichtet, in Bünde wurde schon länger fleißig gespendet. Sind Kleiderspenden weiterhin sinnvoll?

Sven Kampeter: Auf jeden Fall – vor allem Winterklamotten, Pullover, Jeans und Jacken werden weiterhin gebraucht. Ganz wichtig sind Herrenschuhe in der Größe 43 bis 45. Außerdem werden Reisetaschen bevorzugt. Auch Freiwillige können in der Kleiderkammer gerne weiterhin helfen. Die Bünder Kleiderkammer soll bald mehrmals in der Woche geöffnet haben. Kirchlengern wird weitere Flüchtlinge aufnehmen und diese werden ebenfalls in der Bünder Kleiderkammer versorgt. Unsere bisherigen Ehemaligen machen das sehr gut – zwölf Neue haben sich schon gemeldet.

Das DRK hat für die Unterkunft in Ahle Mitarbeiter mit Zeitverträgen eingestellt. Wie soll das zukünftig laufen?

Frank Mäsker: Im Moment ist die Plansetzung, die Unterkunft bis zum 31. März 2016 aufrechtzuerhalten. Bis zu diesem Zeitpunkt laufen auch die Verträge. Wie die genaue Entwicklung sein wird, kann aber noch niemand vorhersagen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Registrierungsstelle in Herford gemacht?

Frank Mäsker: Der Ablauf der Registrierung war nicht unbedingt positiv. Wir haben drei Busse zur Registrierungsstelle nach Herford geschickt. Als die Busse zurückkamen, waren aber nicht nur Flüchtlinge in den Bussen, die wir losgeschickt hatten. Das ist natürlich äußerst unglücklich und erfordert einen höheren administrativen Aufwand.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wiederholte den Satz »Wir schaffen das«. Schaffen es Bünde und Rödinghausen, den Flüchtlingsstrom zu bewerkstelligen?

Sven Kampeter: Wichtig ist, dass die Stimmung positiv bleibt. Das Schwierige an der Sache ist, dass kein Ende in Sicht ist. Zusammen und gemeinsam schaffen wir das in irgendeiner Form. Man kann allen Helfern schon danken.

Frank Mäsker: Nur in der Zusammenarbeit von Hilfsorganisationen, Ehrenamtlichen und Festangestellten lässt sich das schaffen. Man merkt auch, dass die Hilfsorganisationen deutlich an ihre Grenzen stoßen. Es ist für alle ein großer Kraftakt. Aber solch ein riesiges Engagement von allen Seiten hatte ich nicht erwartet.