Gülleunfall ist Thema im Rat – Experte stuft Risiko einer Wiederholung als sehr hoch ein »Erdwall war lückenhaft«

Bünde (WB). Die Aussage des Meller Biogasanlagen-Betreibers, ein Rind habe den Gülleunfall ausgelöst und so die Else verseucht, verwies Christoph Wittler von der Stadt Bünde am Mittwoch im Rat »in das Reich der Märchen und Sagen«. Viel mehr müsse es sich um eine Fehlbedienung oder menschliches Versagen gehandelt haben.

Von Kathrin Brinkmann
Die Biogasanlage in Melle ist zwar von einem Erdwall umgeben. Dieser soll laut Christoph Wittler von der Stadt Bünde jedoch lückenhaft gewesen sein, so dass die aus dem Vorlagebehälter auslaufende Rindergülle in den Violenbach gelangen konnte.
Die Biogasanlage in Melle ist zwar von einem Erdwall umgeben. Dieser soll laut Christoph Wittler von der Stadt Bünde jedoch lückenhaft gewesen sein, so dass die aus dem Vorlagebehälter auslaufende Rindergülle in den Violenbach gelangen konnte. Foto: Julia Birth

Den Ratsmitgliedern zeigte Wittler auf Anfrage der SPD eindrucksvolle Bilder vom Gelände der Biogasanlage direkt nach dem Unfall. Diese Fotos, die der Landkreis Osnabrück gemacht hat, wurden dem WESTFALEN-BLATT auf Anfrage nicht zur Verfügung gestellt. »Wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens sollten diese Bilder erst gezeigt werden, wenn die Sache vor Gericht kommt. Weshalb der Landkreis Osnabrück eingewilligt hat, dass die Fotos bereits im öffentlichen Teil der Bünder Ratssitzung gezeigt werden dürfen, entzieht sich meiner Kenntnis«, sagte am Donnerstag Oberstaatsanwalt Dr. Alexander Retemeyer.

Kein Wall an entscheidender Stelle

Mehrere Tonnen tote Fische haben die Angler nach dem Gülleunfall aus der Bünder Else geholt. Foto: Angelverein Bünde

»Zu erkennen ist auf den Bildern, dass die Schaugläser im Vorlagebehälter der Anlage noch nicht eingebaut waren und dass sich die Gülle aus diesen Löchern auf das Gelände ergießt«, erklärte Christoph Wittler den Ratsleuten. Auch sei inzwischen klar, dass es an einigen Stellen zwar einen Erdwall neben der Biogasanlage gegeben habe. An entscheidender Stelle sei jedoch kein Wall zu finden gewesen. »Ob das ein Planungsfehler war, oder ob an dieser Stelle noch Bodenbewegungen stattfinden sollten, kann ich nicht sagen«, berichtete Wittler. Die Anlage sei noch nicht genehmigt gewesen und die Befüllung daher »völlig ohne jede Genehmigung oder Freigabe geschehen«.

Inzwischen könne man eine erste Bilanz ziehen. »Es ist festzuhalten, dass 8,8 Kilometer des Violenbaches und 16,9 Kilometer der Else biologisch tot sind«, sagte Wittler. Es sei gelungen, den etwa 2,6 Kilometer langen Altarm der Else durch das Hochfahren des Nienburger Wehrs zu retten. Ab Stadtmitte Bünde bis zum Wehr am Semmelweg sei ein Teil des Fischbestandes getötet worden und erst hinter dem Wehr sei die Else relativ unbelastet.

Zwei Klagen liegen vor

»Mehrere Tonnen Fisch und weitere Gewässerlebewesen sind getötet worden«, sagte Wittler. Er erklärte, wenn der Landkreis Osnabrück den Violenbach frühzeitig abgesperrt und die Gülle abgepumpt hätte, hätte das Unglück in der Else verhindert werden können. Der Verursacher des Gülleunfalls, der vom Kreis Herford eine Rechnung über alle Kosten des Unfalls bekommen soll, habe eine Haftpflichtversicherung. Es lägen jedoch keine Infos vor, ob die Versicherung bereit sei, zu zahlen.

Künftig solle es länderübergreifende Zusammenarbeit im Katastrophenfall geben. Derzeit lägen zwei Klagen gegen den Betreiber der Biogasanlage sowie gegen die Untere Wasserbehörde des Landkreises Osnabrück vor.

Laut Gutachter sei die Biologie in der Else mindestens während der kommenden drei bis sieben Jahre nicht wieder herzustellen und somit vorerst keine neuen Fische einzubringen.

Risiko der Wiederholung

Das Risiko der Wiederholung einer solchen Katastrophe ist laut Wittler »sehr hoch«. Im Kreis Herford seien mindestens fünf weitere Schadensfälle in den vergangenen Jahren gemeldet worden, die zu Gewässerverunreinigungen geführt hätten, wenn auch deutlich kleineren Ausmaßes. »Es handelt sich meist um menschliches Versagen. Wenn die Anlagen vernünftig betrieben werden, geht von ihnen meistens eine relativ geringe Gefahr aus«, sagte Wittler.

In Bünde sei eine kurzfristige Begehung der zwei Biogasanlagen durch Mitarbeiter des Abwasserwerkes und der Aufsichtsbehörden geplant. Zudem würden die Anlagen regelmäßig kontrolliert. Derzeit werde zudem ein »Plan mit konkreten Maßnahmen als Handlungsgrundlage für Gewässerschadensereignisse erstellt«.

Auch müssten die Behörden überlegen, ob künftig Geräte für Notfälle vorgehalten werden müssen, so dass künftig im Katastrophenfall Belüfter und Pumpen nicht erst aus der Kläranlage abgebaut werden müssen.

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