Dr. Matthias Stratmann spricht über hohen Medikamentenkonsum im Alter »Lieber den Arzt fragen«

Werther (WB/tibo). »Nimm mal eine von Papas Tabletten, die helfen bestimmt«, so klingt manch gut gemeinter Rat, der dem einen oder anderen bekannt vorkommen mag. Wie es aber um die Selbstmedikation steht, besonders im hohen Alter, darüber referierte Dr. Matthias Stratmann auf unterhaltsame Weise beim Kamingespräch in Haus Tiefenstraße vor rund 60 Besuchern.

Beim Kamingespräch referierte der Allgemeinmediziner Dr. Matthias Stratmann (rechts) über zu hohen Medikamentenkonsum im Alter. Gastgeber war Willi Rose (links).
Beim Kamingespräch referierte der Allgemeinmediziner Dr. Matthias Stratmann (rechts) über zu hohen Medikamentenkonsum im Alter. Gastgeber war Willi Rose (links).

Bis zu fünf Tabletten nehmen statistisch gesehen bereits die 65-Jährigen täglich ein. Und je älter, desto mehr. Wenn dann nach eigenem Gutdünken beispielsweise Vitamin- und Mineralstoffe, Hustensaft, Schmerztabletten oder Schlafmittel zusätzlich und längerfristig eingenommen werden, die dem Hausarzt aber unbewusst verschwiegen werden, kann es wegen der Wechselwirkungen zu gesundheitlichen Komplikationen führen. »Es ist wichtig, dass sie ihrem Arzt sagen, welche Medikamente sie außer der Reihe nehmen«, betont Stratmann. Leider teilen im Durchschnitt nur 40 Prozent der Patienten mittleren Alters mit, was sie sonst noch nebenbei einnehmen. Das Verschweigen könne dazu führen, dass beispielsweise während eines Krankenhausaufenthaltes die Klinikärzte vor einem diagnostischen Rätsel stehen und die Behandlung länger dauere. »Deshalb ist ein klarer Medikationsplan mit kalkulierter Konsequenz wichtig«, betont der Mediziner und bringt Beispiele aus der Berufspraxis und seinem privatem Umfeld.

Bei älteren Menschen wirken Medikamente generell anders

Bei älteren Menschen wirken Medikamente generell anders, weil sie eine eingeschränkte Leber- und Nierenfunktion haben und sich das Körperfett und die Wasserverteilung im Körper verändert hat. Deshalb funktioniert der Medikamententransport und die Verteilung der Arznei im Körper anders als bei jungen Menschen. Und Nebenwirkungen und Wechselwirkungen häufen sich beispielsweise in Form einer erhöhten Blutungsneigung, Magenschleimhautentzündung, Schwindel verbunden mit Sturzgefahr, Albträume oder Depressionen. Das Paradoxe der Pharmakotherapie: »Für die Population mit dem höchsten Medikamentenverbrauch haben wir die geringste Evidenz hinsichtlich der Pharmawirkungen und der Risiko-Nutzen-Relationen. Bis zu 60 Prozent der publizierten Studien schließen alte Patienten ungerechtfertigt aus aber bei der Vermarktung nicht«, betont der Allgemeinmediziner.

Er gibt Einblick in verschiedene Medikamentenwirkungen und macht auf eine englische Kampagne aufmerksam, die gegen zu viele Medikamente für alte Menschen wirbt. »Es gibt ausgearbeitete Leitlinien, nach denen ein Patient behandelt wird. Wenn aber Jemand fünf bis sechs Krankheiten hat und nach diesen Leitlinien fünfzehn bis 20 Medikamente bekommt, kann es das nicht sein. Dann muss man sehr wohl abwägen, was wirklich davon notwendig ist und was man ändern kann«, meint Stratmann.

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