Susan Kreller stellte in Werther ihren einfühlsamen Roman »Pirasol« vor Was aus zwei Sätzen werden kann

Werther (WB). »Ich habe schon lange nicht mehr eine solch kluge Poesie gehört«, sagt eine ergriffene Zuhörerin unmittelbar nach der Lesung der Autorin Susan Kreller aus ihrem Romandebüt »Pirasol« in der Buchhandlung Lesezeichen.

Von Annalisa Tibaudo
Der Rückblick auf ein langes Leben prägt den Roman »Pirasol«. Einfühlsam schildert die Bielefelder Autorin Susan Kreller darin die Geschichte eine 84-Jährigen, die sich mit den Erfahrungen ihrer Vergangenheit versöhnt.
Der Rückblick auf ein langes Leben prägt den Roman »Pirasol«. Einfühlsam schildert die Bielefelder Autorin Susan Kreller darin die Geschichte eine 84-Jährigen, die sich mit den Erfahrungen ihrer Vergangenheit versöhnt. Foto: Annalisa Tibaudo

In gemütlicher Runde zieht Kreller die 25 Zuhörerinnen im abgedunkelten Raum in ihren Bann. Mit präzisen Sätzen erzählt sie mit überzeugender Stimme die Geschichte von Gwendolin, einer 84-jährigen Witwe.

Durch äußere Veränderungen ausgelöst, erinnert sich die alte Dame an ihre Kindheit im Nationalsozialismus und an das Leben mit ihrem späteren Ehemann, einem ehemaligen Nazi und Tyrannen, der sie unterdrückt und dem sie dennoch verfallen ist.

Die stille Frau wehrt sich

Als er stirbt, wird sie Erbin seines Fabrikanwesens »Pirasol« und gerät dabei in die Fänge der fünfzehn Jahre jüngeren Thea, die sich bald bei ihr einnistet. Kreller beschreibt mit ihrem berührenden Sprachstil nie explizit von Gewalt, doch der Zuhörer bekommt eine Vorstellung von Gwendolins Leben. Als ihr die längst verdrängte Verbannung ihres Sohnes bewusst wird, tritt ein Wendepunkt in ihrem Leben ein. Die bisher stille Frau setzt sich erstmals zur Wehr.

»Die Idee zu dieser Geschichte ist mir vor zehn Jahren in einem Café am Niederrhein geschenkt worden« , erzählt die aus Sachsen stammende Schriftstellerin. »Ich hörte, wie eine weibliche Stimme einer anderen sagte: ›Pass auf das Haus auf. Der Junge kommt zurück.‹ Ich war so begeistert, von diesen beiden Sätzen und wusste sofort: Das ist meine Geschichte. Auch wenn ich noch nicht wusste, was für eine Geschichte das ist, aber ich habe sie gefühlt. Ich habe Jahre gebraucht, um sie in Sprache zu übersetzen.«

Es heilt nicht, es tröstet

So entstand diese auf verschiedenen Zeitebenen erzählte Geschichte. »Pirasol ist nicht das Buch einer Heilung, es ist das Buch einer Tröstung«, betont Kreller. »Es geht nicht darum, dass ein Mensch seine lebenslange Traurigkeit ablegt, sondern sie zum ersten Mal im Leben annimmt. Das entwickelt sich im Rahmen der Handlung.«

Während der Recherchearbeiten bekam Kreller, die seit 2009 in Bielefeld wohnt, die Möglichkeit, in einem Bielefelder Seniorenheim viele anregende Gespräche mit hochbetagten Damen zu führen. »In dieser Zeit habe ich viel Likör getrunken«, erzählt Kreller schmunzelnd, »und ich habe sehr viel über das Alter und das Altern erfahren. Dafür bin ich sehr dankbar. Diesen Frauen widme ich das Buch.«

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