Reitverein und Ökumenische Flüchtlingsinitiative organisieren Frühstück und Reiten für Kinder und deren Familien Kennenlernen mit Pferd und Sattel

(WB/tibo). »Welcome und guten Appetit«, begrüßt Birgit Reinhardt von der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Werther (ÖFI) einige Nachzügler der rund 30 Flüchtlinge, die sich in den kleinen Vereinsraum des Zucht-, Reit- und Fahrvereins Werther drängen.

Die vierjährige Queensly und ihre sechsjährige Schwester Precious aus Nigeria gehen mutig ans Werk. Sie striegeln den 19-jährigen Haflinger mit Hilfe ihrer Patin Heidrun Kessler.
Die vierjährige Queensly und ihre sechsjährige Schwester Precious aus Nigeria gehen mutig ans Werk. Sie striegeln den 19-jährigen Haflinger mit Hilfe ihrer Patin Heidrun Kessler. Foto: Anna Lisa Tibaudo

Die meisten von ihnen haben sich bei feuchtkalten fünf Grad Celsius zu Fuß aus der Innenstadt Werthers aufgemacht, um der Einladung des Reitvereins zu folgen. Nun sitzen sie gemeinsam mit ihren Paten und den jungen Vereinsmitgliedern etwas schüchtern an den reichlich gedeckten Frühstückstischen. »Wir hatten das Bedürfnis, den Flüchtlingen zu helfen«, erklärt die 18-jährige Jugendwartin Rebecca Rötgen diese Aktion, deren Kosten die Spendenkasse des Reitvereins trägt. Den Kontakt zur ÖFI, die bei der Planung mithalf, fand sie über die Evangelische Kirchengemeinde.

An diesem Morgen bieten die jungen Mitglieder den Flüchtlingsfamilien ein besonderes Erlebnis ­– das Reiten. »Ich finde das eine ganz tolle Idee«, betont Birgit Reinhardt von der ÖFI. Bevor es soweit ist, erklärt Rebecca Rötgen erst einmal das Vorhaben und die Verhaltensregeln auf Deutsch. Der elfjährige Ahad aus dem Irak übersetzt es – soweit es geht – ins Kurdische. Es bleibt ein Rätsel, in wie weit der aufgeweckte Junge, der etwas Deutsch spricht, das Gesagte von Rebecca versteht. Ahad besucht seit Kurzem die fünfte Klasse der Haller Gesamtschule. In wie weit die anwesenden Familien aus Syrien, Nigeria und Albanien nun allesamt Kurdisch verstehen, bleibt ebenfalls offen.

Auf einmal herrscht Aufbruchstimmung. »Die Kinder sind ganz heiß auf das Reiten«, macht Patin Ellen Pansegrau, die Jugendwartin, aufmerksam. Währenddessen führen Vereinsmitglieder drei Schulpferde und zwei Privatpferde, die dafür zur Verfügung gestellt wurden, auf den Vorplatz. »Wir gehen davon aus, dass keine Reiterfahrungen bestehen«, sagt Rebecca. Und tatsächlich scheint ihre Annahme gerechtfertigt, denn die meisten Flüchtlinge schauen die Pferde entweder ängstlich oder misstrauisch an und gehen auf sehr große Distanz. Nachsichtig werden besonders die Kinder von ihren Paten herangeführt.

Holk Cruse erklärt seinem achtjährigen Schützling Aland, ein jesidischer Junge aus dem Irak, dass das große fast gleichaltrige Pferd, ein Freiberger, Agate heißt. »Gleich putzen wir das Pferd. Ich putze, du putzt, wir putzen«, lächelt der ältere Herr den Jungen an seiner Hand an. Ob der Sechsjährige versteht, dass sein Pate ihm einen Eindruck von der Konjugation deutscher Verben gibt? Jedenfalls weiß Aland, was der lange Schweif bedeutet. »Haare«, sagte er logischerweise. »Ja, das sind lange Haare. Und das hier sind kurze Haare«, erweitert Cruse dessen Wortschatz, während sie gemeinsam das haselnussbraune Pferdefell streicheln. Als die Tiere von den Vereinsmitgliedern mit Satteln und Fußmanschetten versehen werden, geht es – jetzt weniger scheu – in die Reithalle.

Die ersten Kinder sitzen auf und werden bei Schritt nacheinander durch die Halle geführt. Die stolzen Eltern stehen im Sand der Reithalle und schießen Fotos. Auf der kleinen Balustrade vor dem Vereinsraum tummeln sich weitere Familienmitglieder und Paten. Die fröhlichen Gesichter drücken Erleichterung aus. Die Sorgen scheinen für einen Augenblick weit weg. »Das ist schon sehr wertvoll«, findet Birgit Reinhardt, während ihr Blick auf den beiden deutschen und irakischen Jungen ruht, die in ein Gespräch vertieft sind. Ein kleines Mädchen schiebt sich an ihnen vorbei. »Wir laufen mit Pferd?«, wünscht sich die fünfjährige Joana aus Albanien. »Ja, noch einmal«, antwortet ihre Patin Ellen Pansegrau. »Ich bin in jeder Hinsicht positiv beeindruckt«, resümiert die Jugendwartin. »Ich kann mir gut vorstellen, diese Aktion zu wiederholen.«

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