Ex-General Hans-Lothar Domröse spricht in Verl »Mit Ausdauer den Frieden gewinnen«

Verl (WB). Der frühere Vier-Sterne-General Hans-Lothar Domröse (65) hat als Befehlshaber in Schlüsselfunktionen des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses NATO gedient. Im Vorfeld seines Auftritts am Montag, 22. Januar, um 19.30 Uhr im VHS-Forum sprach er mit WESTFALEN-BLATT-Redakteur Carsten Borgmeier.

Hans-Lothar Domröse (Mitte) im Gespräch mit Soldaten des amerikanischen Heeres: Der frühere Bundeswehr-Offizier blickt auf zahlreiche Einsätze in multinationalen Einsatzverbänden zurück. Am kommenden Montag ist der gebürtige Hannoveraner in Verl zu Gast.
Hans-Lothar Domröse (Mitte) im Gespräch mit Soldaten des amerikanischen Heeres: Der frühere Bundeswehr-Offizier blickt auf zahlreiche Einsätze in multinationalen Einsatzverbänden zurück. Am kommenden Montag ist der gebürtige Hannoveraner in Verl zu Gast. Foto: dpa

Taliban und andere Extremisten erstarken, auf die deutsche Botschaft in Kabul wurde 2017 ein Terror-Anschlag mit etwa 150 Toten verübt. Was hat der seit mehr als 15 Jahren laufende Afghanistan-Einsatz bislang bewirkt?

Domröse: Die feigen, terroristischen Anschläge mit vielen unschuldigen Opfern, aber auch die große Zahl gefallener Soldaten belegen auf tragische Weise, dass unser Einsatz noch nicht beendet werden kann. Das schulden wir den Opfern, aber auch den notleidenden Menschen in Afghanistan, die sich nach Frieden, Wohlergehen und Perspektiven sehnen. Und wir können den Frieden gewinnen – mit Geduld und Ausdauer. Heute ist Afghanistan ein weit besserer Platz als vor 15 Jahren. Krankenhäuser, Schulen und Jobs wurden geschaffen. Freie Wahlen, Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit sind garantiert; es gibt eine unabhängige Justiz und ordentliche Institutionen in den Provinzen. Kurz: Das Glas ist halb voll!

In Afghanistan ist seiner Ansicht nach das »Glas halbvoll«

Pleiten, Pech und Pannen mit neuem Gerät der Bundeswehr: Hubschrauber (NH 90, »Tiger«) fliegen nicht, der Schützenpanzer »Puma« (Stückpreis: neun Millionen Euro) hat undichte Luken, das 55 Jahre alte Transportflugzeug Transall ist noch immer nicht ersetzt. Wer trägt dafür die Verantwortung?

Domröse: Die materielle Ausstattung der Streitkräfte ist NATO-weit in keinem guten Zustand, weil alle Nationen seit der europäischen beziehungsweise deutschen Einheit ihre Armeen auf Verschleiß gefahren haben, ohne rechtzeitig modernes Gerät zu beschaffen. Mit dem Einmarsch der Russen in der Ukraine 2014, der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim, hat die NATO mehrere Initiativen ergriffen, die die Sicherheit unserer Länder erhöht. Und die Bundeswehr hat mit der Trendwende Ausrüstung neues Material beschafft. Das sind Spitzenprodukte, die – wie in einer Manufaktur – quasi mit der Hand angefertigt werden – hier und da allerdings mit erstaunlichen Mängeln.

Westliche Allianz soll in moderne Waffen investieren

Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Jörg Vollmer, wertete die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht neulich als »Sprung nach vorn« für die Truppe, die professionelles Personal brauche. Wie sehen Sie das?

Domröse: General Vollmer ist ein sehr erfahrener Offizier, der auf allen Ebenen geführt und ausgebildet hat; er weiß, wovon er spricht. Die Bundeswehr braucht bestens ausgerüstete und ausgebildete Soldaten, um ihre komplexen und gefährlichen Aufträge zu meistern. Mit einer durchschnittlichen Stehzeit von rund neun Jahren ist der Heeressoldat heute besser ausgebildet als ein Wehrpflichtiger nach knapp acht Monaten. Militärtaktisch hat Vollmer recht. Gesellschaftlich ist das Aussetzen der Wehrpflicht eher anders zu bewerten. Die Integration unserer Soldaten in die Gesellschaft schwindet – und damit oftmals auch das sicherheitspolitische Verständnis. Diese Lücke müssen wir alle füllen – allen voran unsere Parlamentarier, die stolz sind, dass die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist.

Friedliche Revolutionen in Osteuropa

Putin fiel 2014 in die Ukraine ein: War er durch die sich stetig nach Osten ausdehnende Nato dazu gedrängt worden?

Domröse: Das sehe ich überhaupt nicht. Unsere osteuropäischen Nachbarn haben sich durch friedliche Revolution die Freiheit erstritten – ohne jemanden zu bedrohen. Es war ihre souveräne Entscheidung, sich einem kollektiven Sicherheitsbündnis anzuschließen, so wie es in Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen vorgesehen ist. Die Nato hat behutsam reagiert und den Russen zugesagt, keine Nuklearwaffen, keine größeren Kampfverbände, keine Hauptquartiere dort zu stationieren. Dies haben die Russen unterschrieben. All das zeigt: Russland ist nicht aus Sorge vor der Nato in die Ukraine eingefallen, sondern aus althergebrachtem Machtstreben.

Verteidigungsministerin Ur­sula von der Leyen hat in einem Erlass 2017 angeordnet, dass die Wehrmacht in der Tradition der Bundeswehr keine Rolle spielen darf. Verkennt sie dadurch nicht historische Fakten?

Domröse: Seit Gründung der Bundeswehr 1956 war klar, dass die Wehrmacht einem Unrechtsregime gedient hat und daher als Institution nicht traditionswürdig ist. Einzelne, herausragende Persönlichkeiten wie Graf Stauffenberg und andere Widerstandskämpfer hingegen haben ihren Mut und ihre Tapferkeit mit dem Leben bezahlt. Das gleiche gilt auch für zig Tausend braver Soldaten, die in den Krieg ziehen mussten. Diese großartigen Menschen sind und bleiben traditionswürdig. Insofern ist die Sache eher nicht neu, wohl aber zeitgemäß angepasst worden.

Zur Veranstaltung

Das VHS-Forum gibt es seit 2012. Es wird unterstützt von der Kreissparkasse (KSK) Wiedenbrück (in Verl und Schloß Holte-Stukenbrock) und der Sparkasse Gütersloh-Rietberg (in Harsewinkel).

Als Referenten werden Persönlichkeiten eingeladen, die entsprechend dem Weiterbildungsauftrag der Volkshochschule zu gesellschaftsrelevanten Themen Stellung beziehen können. Frühere Referenten waren beispielsweise Alt-Bundespräsident Joachim Gauck, Politiker wie Heiner Geißler (CDU), Franz Müntefering (SPD), Schauspieler Hardy Krüger und Moderatorin Christine Westermann. Domröse spricht am Montag um 19.30 Uhr in der KSK Verl, Österwieher Straße 5.

In Bezug auf die weltweit steigenden Herausforderungen der Bundeswehr: Welche Rolle spielt dabei die in Augustdorf stationierte Panzerbrigade 21 »Lipperland«?

Domröse: Die Panzerbrigade 21 bildet zusammen mit den anderen Brigaden das Herzstück des deutschen Heeres. Sie sind das Rückgrat und stemmen unsere gefährlichen Einsätze. Die hoch motivierten Augustdorfer Soldaten sind von entscheidender Bedeutung für die Sicherheit Deutschlands!

Zur Zukunft des Truppenübungsplatzes Senne: Wird er als solcher erhalten bleiben (müssen)?

Domröse: Unsere Truppen müssen häufig trainieren: schießen, fahren, funken. Nur so können sie ihre hohe Leistungsfähigkeit erhalten. Das macht man auf Übungsplätzen, um die Bevölkerung zu schonen. Das macht Sinn. Die Senne kann dazu beitragen; regional liegt sie in kurzer Entfernung zu den Bataillonen. Das schont Leerzeiten, spart Kosten und ist effizient. Allerdings kann ich nicht sagen, welche Pläne es für die Senne gibt. Sorry!

Europa wird künftig mehr Verantwortung tragen müssen

Hausverbot in Schulen, Hassmails, Beschimpfungen, Gleichgültigkeit gegenüber der Bundeswehr: Wissen die im Wohlstand lebenden Bundesbürger nicht mehr zu schätzen, dass deutsche Soldatinnen und Soldaten in Krisengebieten dieser Welt tagtäglich ihr Leben für Frieden und Freiheit riskieren?

Domröse: So allgemein würde ich das nicht formulieren. Das sogenannte Mörder-Urteil zeigt, dass es immer unterschiedliche Stimmen, Interessen und Wahrnehmungen gab. Richtig scheint zu sein, dass die persönliche Betroffenheit vieler Familien durch den Wegfall der Wehrpflicht nicht mehr gegeben ist. Und dadurch möglicherweise die positive Einstellung zu den Soldaten und ihrem Auftrag leidet. Man kann und sollte in Schulen und Universitäten mehr zur friedenssichernden Rolle der Bundeswehr in Nato und EU sagen.

US-Präsident Trump mahnt an, dass seine Streitkräfte künftig nicht mehr »Weltpolizei« sein wollen. Wird Europa, wird die Bundeswehr deutlich mehr Verantwortung tragen müssen?

Domröse: Darauf werden wir uns einstellen müssen. Die Bundeswehr muss deshalb weiter modernisiert werden.

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