Integration: Bildungsforscher Prof. Dr. Rainer Dollase im Interview – Vortrag im Rathaus »Sagen, was geht und was nicht geht«

Steinhagen  (WB). »Offene Gesellschaft – Einheimische und Zugewanderte besser verstehen«: So heißt ein Vortrag, den der Bielefelder Bildungs- und Gewaltforscher Prof. Dr. Rainer Dollase, am Dienstag, 20. März, 18 Uhr auf Einladung der Gemeinde im Steinhagener Rathaus hält. Im Interview mit WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold benennt er bestehende Probleme und spricht sich für konkrete Lösungen aus.

Integration, vielfach Aufgabe der Schulen – so gibt es dort die meisten Kontakte zwischen deutschen und zugewanderten Kindern.
Integration, vielfach Aufgabe der Schulen – so gibt es dort die meisten Kontakte zwischen deutschen und zugewanderten Kindern. Foto: dpa

Was verstehen Sie unter einer Offenen Gesellschaft?

Prof. Dr. Rainer Dollase: Ich halte nicht viel von großen Vokabeln wie Leitkultur oder Offene Gesellschaft, sondern bin dem Konkreten zugewandt. Denn wir müssen die konkreten Probleme lösen. Zum Beispiel müssen viele Zugewanderte akzeptieren, dass sie es mit einer Frau als Schulleiterin zu tun haben oder dass sie vor den großen Ferien nicht einfach ihre Kinder aus der Schule nehmen können, um in Urlaub zu fahren.

Das sind ja einfach Regeln, die man einhalten muss...

Dollase: Im Ruhrgebiet aber gibt es Familienclans, die sagen: Polizei brauchen wir nicht. Das geht natürlich nicht: Wer hierher kommt, muss sich an unsere Regeln und Gesetze halten. Manche Menschen haben Bedenken, das zu äußern. Aber das muss man tun. Der Zugewanderte muss akzeptieren, dass es hier keine eigene Gerichtsbarkeit gibt und dass die Frauen im Bikini baden gehen.

Wie läuft ihrer Erfahrung nach die Integration?

Dollase: Ich betreue unter anderem eine Schule in einer Nachbarstadt, die 84 Prozent Anteil von Kindern mit Zuwanderungshintergrund hat. Dort gibt es viele Eltern, die nicht Deutsch sprechen können oder wollen. Alle Schulgespräche laufen mit Dolmetschern. Da muss man dann sagen: Es läuft nicht gut.

Wie kann es denn besser laufen?

Dollase: Ich will keine Politik machen. Ich will auch nicht darüber sprechen, welche Fehler die Parteien mit ungeordneter Zuwanderung gemacht haben. Aber es gibt vieles, was man tun kann, was auch Zuwanderer selber tun können. Ich habe Umfragen bei Einheimischen und Zugewanderten gemacht. Zwei Ergebnisse als Beispiel: Es ist nicht so, dass Zuwanderungsfeinde automatisch Fremdenfeinde sind, sondern es sind Menschen, die nur meinen, dass man die Zuwanderung drosseln muss. Die gibt es in jeder Partei, nicht nur in der AfD und die gibt es auch bei den alteingesessenen Zuwanderern. Oder ein anderes Ergebnis: Fremdenfeindlichkeit bei zugewanderten Kindern und Jugendlichen ist oft größer als bei deutschen. Also: der Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit geht Einheimische und Zugewanderte an – die Zuwanderungsbegrenzung hat weniger mit Fremdenfeindlichkeit zu tun als mit nüchternen Überlegungen zur Bewältigung der Massen.

Was ist denn ein Beispiel für Fremdenfeindlichkeit unter Zugewanderten?

Dollase: Wenn Türken und Kurden in der Heimat im Krieg sind, kann der Konflikt nicht hier in Deutschland fortgeführt werden. So etwas behindert die Integration. Die Feindschaft zwischen Arabern, Türken einerseits und Menschen aus Osteuropa ist immer noch groß. Das wird von deutschen Stellen häufig gar nicht wahrgenommen. Mein Vorschlag ist, dass man bei der Ansiedlung und Zuweisung darauf Rücksicht nimmt. So kann man auch die Mithilfe der Zugewanderten bei der Integration besser aktivieren.

Prof. Dr. Rainer Dollase

Bildungsforscher Prof. Dr. Rainer Dollase, Jahrgang 1943, ist Psychologe. Seit 1980 war er an der Uni Bielefeld und bis zu seiner Emeritierung 2008 Mitglied des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld. Zu seinen zahlreichen Studien zählt über 15 Jahre auch die Erforschung von Fremdenfeindlichkeit.

Wie sind die Kontakte zwischen Einheimischen und Zugewanderten Ihrer Beobachtung nach denn überhaupt?

Dollase: Die Hauptlast tragen die Kinder und Jugendlichen, weil es die meisten Kontakte in der Schule gibt. Danach kommen die Arbeitsstätten. Und da sind es qualifikationsbedingt vor allem die einfachen Tätigkeiten. Ein höherer Beamter hat vermutlich kaum privaten Kontakt zu Zugewanderten. Man muss unterscheiden zwischen beruflichen und privaten Kontakten. Der private Kontakt ist zumeist darauf beschränkt, dass man Siedlungsnachbar oder Wohnungsnachbar ist. Es ist erschreckend, wie viele zwar kein ablehnendes Wort über Zugewanderte verlieren, aber keinen Zugewanderten als Wohnungsnachbar oder Freund in ihrer Familie akzeptieren würden.

Ist das zu überwinden? Wie könnte eine Kontaktaufnahme denn überhaupt aussehen?

Dollase: Es gibt positive, joviale Kurzkontakte, die erstaunlich viel bewirken können, zum Beispiel jemandem den Weg erklären, regelmäßig grüßen, nach dem Befinden fragen etc. Das eröffnet völlig unverbindliche Möglichkeiten der Kontaktanbahnung.

Das ist in Ostwestfalen, wo man den Menschen ja eine gewisse Zurückhaltung unterstellt, nicht ganz so einfach...

Dollase: Da sollte man über seinen Schatten springen. Im Ruhrgebiet sind die Menschen sicherlich jovialer, da sind kurze Kontakte in der Straßenbahn etwa an der Tagesordnung. Der Fremde freut sich darüber. Das gibt ihm Sicherheit. Er ist dankbar, wenn die Menschen nicht steif bleiben, sondern sich ihm zuwenden. Es muss ja nicht gleich eine Patenschaft oder Bürgschaft sein. Elterncafés, die es in vielen Schulen gibt, sind zum Beispiel eine Möglichkeit, locker ins Gespräch zu kommen, den anderen kennen zu lernen, aber auch zu sagen, was hier geht und was nicht. Man sollte auch die Vernetzung von Zugewanderten unterstützen. Die erste Reaktion auf die Zugewanderten 2015 war rein bürokratisch. Niemand hat danach geschaut, ob und wo schon Verwandte waren.

Ist der Kontakt auf dem Dorf, wo alles persönlicher ist, einfacher als in der Stadt?

Dollase: Es ist leider so, dass Zugewanderte lieber in einer Stadt sind, am besten da, wo die anderen schon sind. Man weiß, wo sich Zugewanderte niedergelassen haben. Die Türken etwa stark in den Industriegebieten. Nur wenige Zugewanderte mögen die regnerische Einsamkeit eines ostwestfälischen Dorfes. Auch wenn Steinhagen etwas größer ist, so gibt es nicht viele Möglichkeiten des öffentlichen Lebens. Wenn abends die Türen zu sind, dann ist es für Zugewanderte langweilig.

Wie ist denn überhaupt die Bereitschaft von Zugewanderten, sich zu integrieren?

Dollase: Da gibt es viele offene Fragen. Im Wahlkampf Erdogans hat man gesehen, dass viele Türken nur mit einem Bein in Deutschland sind und noch sehr engen Kontakt zur Heimat halten. Das ist riskant für die Integration. Erdogan hat seine Landsleute vor »Assimilation« also Anpassung, gewarnt. Die aber wäre ideal für die Integration. Das ist wie im Fußball: Du hast den Verein gewechselt und spielst jetzt für Deutschland. Wer das mit Freude tut, kann sich natürlich leichter integrieren.

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