Schulleiter Josef Scheele-von Alven geht in Ruhestand – Gymnasium gut aufgestellt »Die machen das«

Steinhagen (WB). Das Steinhagener Gymnasium ist sein Lebenswerk: 2001 hat Josef Scheele-von Alven als Leiter der damals neuen Steinhagener Schule angefangen. Zum 1. Februar geht der 64-Jährige in den Ruhestand. Die Schule weiß er in guten Händen: »Um die Zukunft ist mir nicht bange. Es gibt hier viele sehr gute Lehrerinnen und Lehrer. Die machen das.« Indes räumt er im Interview mit WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold ein: »Die Zeit läuft mir davon. Ich möchte noch so viel machen.«

Der Schreibtisch ist ebenso voll wie der Terminkalender und Stundenplan des scheidenden Schulleiters Josef Scheele-von Alven. Die Tage an seiner Schule sind gezählt, bis zur Verabschiedung am 1. Februar ist Durchpowern angesagt.
Der Schreibtisch ist ebenso voll wie der Terminkalender und Stundenplan des scheidenden Schulleiters Josef Scheele-von Alven. Die Tage an seiner Schule sind gezählt, bis zur Verabschiedung am 1. Februar ist Durchpowern angesagt. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Wenn man die Chance hat, eine neue Schule aufzubauen, dann muss man doch zugreifen, oder?

Josef Scheele-von Alven: Ich bin auf die Neugründung der Schule aufmerksam geworden, nachdem ich das Modell vom Schulgebäude gesehen hatte. Dann habe ich mir die Ausstellung des Architektenwettbewerbs im Steinhagener Rathaus angesehen. Das Gebäude machte den Eindruck, dass die Gemeinde ein interessantes Projekt vorhat, in das ich reinpasse.

Wie ist das gemeint? Reinpassen?

Scheele-von Alven: Eine Gemeinde, in die ein Gymnasium von den Schülerzahlen her passt und die Geld in die Hand nimmt, die will diese Schule. Das sind gute Voraussetzungen.

Welche Leitlinien oder welches Ziel hatten Sie von Anfang an im Kopf?

Scheele-von Alven: Es gab verschiedene Schwerpunkte, die ich bei der Vorstellung im Schulausschuss und im Bewerbungsverfahren genannt habe: die erste Schule am Ort, Kooperation mit außerschulischen Partnern. Der Name Steinhagener Gymnasium sollte nicht nur Ortsbezeichnung, sondern Programm sein: das Gymnasium der Steinhagener. Ich war mir sicher, dass es ein großes Potenzial an Elternhäusern gibt, deren Kinder Abitur machen könnten, aber bisher nicht machten.

Was waren Ihre Meilensteine in Steinhagen?

Scheele-von Alven: Zunächst die Aufbauphase natürlich, inhaltlich wie baulich. Die ersten zwei Jahre waren wir im Container und haben den Bau der Schule immer vor Augen gehabt. Als wir einzogen, zeigte das Gebäude schon viel Programm: Transparenz und Offenheit etwa. Und so gestalten die Lehrer bis heute ihren Unterricht. Man zeigt, was man macht. Offenheit ist der Stil des Hauses. Die inhaltliche Ausgestaltung war davon abhängig, welche Lehrer wir bekamen. Da hatten wir von Anfang an Glück, dass Lehrer hier waren, die die Profile aufbauen konnten: beispielsweise Christa Wille-Möller, Stefan Binder und Reinhard Lauströer, die die musikalische Ausprägung der Schule und das Europaprofil gestaltet haben, etwas später Andreas Frerkes für die Naturwissenschaften. Viel lief anfangs über AGs und Schulprojekte. Damit stellte sich schnell die Frage nach dem Nachmittag.

Was heißt das?

Scheele-von Alven: Wir hatten schon damals eine Stunde Soziales Lernen, die vormittags nicht unterzubringen war. Deshalb gab es die Kooperation mit den Falken und den offenen Nachmittag mit einer Reihe von Angeboten.

Gab es auch Tiefpunkte?

Scheele-von Alven: Der Bau der Sporthalle 2004. Das Land strich die Fördermittel, die Gemeinde musste sparen und wollte uns hier eine Baumarkthalle hinsetzen. Einen Schuhkarton in der Landschaft konnten wir verhindern. Sogar der Dezernent aus Detmold kam deshalb mit in den Schulausschuss. Der Kompromiss lief auf eine kleinere, aber vernünftig gebaute Halle hinaus. Es hätte eigentlich eine Dreifachhalle sein müssen. Wir konnte glücklicherweise die Halle der Spvg. mit nutzen, die uns immer sehr geholfen hat.

Welche Widerstände gab es?

Scheele-von Alven: Vorbehalte kamen aus der Politik, aber auch von Grundschulen, die eine andere Schulform bevorzugen. Ich kann mich aber nicht beklagen: Wir sind von allen Parteien immer unterstützt worden, auch finanziell. Außerdem mussten wir uns in den ersten Jahren Vertrauen in Gruppen erarbeiten, die einen ausländischen Hintergrund haben, damit auch sie ihre schlauen Kinder zu uns schickten. Wir mussten deutlich machen, dass wir uns kümmern, wenn das Elternhaus zum Beispiel nicht Hilfe bei Hausaufgaben geben kann.

Lebenslauf

Josef Scheele-von Alven hat in Marburg und Bielefeld Deutsch und Geschichte studiert, später kam Informatik hinzu. Das Referendariat hat er am Ravensberger Gymnasium in Herford absolviert. Seine erste Stelle war 1980 am Brackweder Gymnasium. 1986 wechselte er ans Helmholtz-Gymnasium, 1996 kam er als Mittelstufen-Koordinator zurück nach Brackwede und wurde stellvertretender Schulleiter. Seit 2001 ist er Schulleiter in Steinhagen.

Mit der Umstellung von G9 auf G8 ist ja ohnehin vieles anders geworden...

Scheele-von Alven: G8 kam 2009, und wir wollten es nicht. Es stellte das Gymnasium vor ungeheure Probleme. Aber wir wollten uns auch nicht nur so durchwurschteln. Der gebundene Ganztag bedeutete deutliche Herausforderungen. Wir mussten den Tag neu gestalten: weniger Fächer an einem Tag, mehr Pausen, Konzentration von Unterricht von zweistündigen Fächern auf vierstündige Epochenfächer. Wir haben eine andere Aufgabenkultur entwickelt: Alle Aufgaben sind Schulaufgaben geworden. Aufgaben mussten stärker individualisiert werden, so dass wir zur Wochenplanarbeit kamen, was ungewöhnlich für das Gymnasium ist. Doch der äußere Zwang von G9 zu G8 hat eine Reihe von Schulentwicklungsvorhaben ausgelöst und eine Diskussion mit Eltern und Lehrern, die uns einen pädagogischen Schub gegeben haben.

Der gebundene Ganztag gilt ja bei Ihnen inzwischen als ein Qualitätsmerkmal, von dem man sich selbst mit der Rückkehr zu G9 nicht trennen will...

Scheele-von Alven: Mit 20 Prozent Lehrerzuschlag können wir die Lernzeiten, die Studios und Projekte wie Jugend forscht mit Fachkräften betreuen. Ich war bei der Diskussion jetzt sehr positiv überrascht, wie stark alle Gruppen hinter dem Ganztag stehen.

G9, G8 und wieder G9: Kommt man sich als Schulleiter da nicht auch wie ein Spielball der Politik vor?

Scheele-von Alven: Die Bildungspolitik gibt Anlass zum Nachdenken. Eine inhaltliche Auseinandersetzung fehlt oftmals. Aber wenn man keine Ideen und Ziele formuliert, muss man sich nicht wundern, wenn populistische Strömungen entstehen. Alle Parteien versuchen oft nur noch, möglichst ungeschoren davonzukommen. Ich habe hier im Hause geraten, nicht zu viel Zeit in Curricula nach G9 zu stecken. Da steckt keine pädagogische Idee dahinter. Anderes ist wichtiger wie die Digitalisierung, die so viel pädagogisches Entwicklungspotenzial enthält wie damals G8. Man kann Schule noch einmal neu erfinden. Digitalisierung kostet etwas, aber ich bin sehr froh, dass der Schulträger auch ein solch teures Projekt mitträgt. Es tut mir richtig leid, dass ich nicht mehr dabei bin.

Wie schwer fällt der Abschied?

Scheele-von Alven: Es ist das sprichwörtliche lachende und weinende Auge. Einerseits merke ich, dass das Durchpowern in Wochen mit viel Arbeit mir inzwischen schwer fällt. Andererseits gibt es noch so viele spannende Entwicklungen.

Welche Vorhaben haben Sie für den Ruhestand?

Scheele-von Alven: Den Pferdesport und die Pferdezucht natürlich. Dann gibt es da noch einen Bauernhof in der Lüneburger Heide, um den ich mich kümmern muss. Ich muss für mich sportlich etwas tun. Ich habe ein paar Ideen im Bereich Geschichte, will viel lesen, aber vielleicht auch selbst etwas schreiben. Und dann sind da auch noch einige Konzerthäuser in Europa, die auf mich warten: Hamburg, Dresden, Wien, Mailand...

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