Bessers Aussage wird diskutiert – Internet hilft bei Standortsicherung »Einzelhandel ist nicht per se tot«

Steinhagen (WB). »Der inhabergeführte Einzelhandel ist tot.« Das hat Bürgermeister Klaus Besser im Interview mit dem WESTFALEN-BLATT im Zusammenhang mit dem Ärztehaus-Standort am Marktplatz gesagt und sich damit Kritik der FDP (WB vom 3. Januar) zugezogen. Auch Steinhagener Einzelhändler sind empört. Und wie sehen Fachleute die Situation und die Zukunft der inhabergeführten Läden?Seine Aussage unterstrich Klaus Besser am Freitag: »Sie ist natürlich zugespitzt. Aber so sehr ich mich über jeden freue, der in Steinhagen ein Geschäft betreibt, so ist eben auch klar, dass es keine Existenzgründer gibt, die ein Bekleidungs- oder Spielwarengeschäft aufmachen. Und Nachfolger für bestehende Geschäfte zu finden, ist sehr schwierig.«

Von Annemarie Bluhm-Weinhold
Wo findet sich in Steinhagen überhaupt noch inhabergeführter Einzelhandel? Das WESTFALEN-BLATT hat durchgezählt und ist auf 29 Läden gekommen in Ortskernbereich zwischen Aldi und Jibi/Combi sowie Volksbank und Mühlenstraße. Mitgezählt sind die Bäckereien/Konditoreien, inklusive dem im Franchise geführten Bürenkemper. Nicht mitgezählt sind die beiden Apotheken, denn sie gehören laut Definition des Einzelhandelsverbandes nicht zum Einzelhandel im engeren Sinn.
Wo findet sich in Steinhagen überhaupt noch inhabergeführter Einzelhandel? Das WESTFALEN-BLATT hat durchgezählt und ist auf 29 Läden gekommen in Ortskernbereich zwischen Aldi und Jibi/Combi sowie Volksbank und Mühlenstraße. Mitgezählt sind die Bäckereien/Konditoreien, inklusive dem im Franchise geführten Bürenkemper. Nicht mitgezählt sind die beiden Apotheken, denn sie gehören laut Definition des Einzelhandelsverbandes nicht zum Einzelhandel im engeren Sinn.

Gerald Blome, Referent Stadt- und Regionalplanung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Bielefeld, sagt: »Die Aussage des Bürgermeisters mag auf Steinhagen durchaus zutreffen. Denn im traditionellen Einzelhandel gibt es kaum noch Nachfolger.« Die neue Generation setze auf die neuen Medien und sei zweigleisig unterwegs: Geschäft und Internethandel. »Der Trick: Die Nischen laufen, fast standortunabhängig«, sagt er. Wichtig sei, im Internet auf sich aufmerksam zu machen. Aber die Kunden wollen die Artikel auch sehen, und dafür bedürfe es eines Ladens.

Wolle wird bis nach Japan verschickt

Paradebeispiel dafür ist »Die Wollstube«: Doris Strothmann, seit mehr als 30 Jahren im Steinhagener Ortskern ansässig, ist inzwischen im weltweiten Netz so erfolgreich unterwegs, dass selbst Kundinnen aus den USA und Japan bei ihr bestellen. »Ich habe viele Kunden aus Gegenden, die unterversorgt sind mit einem solchen Fachgeschäft«, sagt sie. Das gilt für Brandenburg ebenso wie für Tokio. Doch sie betont: »Der Laden ist nicht ersetzbar.« Die Kunden aus der Nähe schauen vielleicht im Internet nach Angeboten: »Aber dann kommen sie ins Geschäft, weil sie die Wolle anfassen wollen.« Unerlässlich: »eine funktionierende technische Anbindung«.

Weniger Läden als die Nachbarn

29 inhabergeführte Geschäfte in Steinhagen. Das ist im Vergleich mit Halle und Werther wenig. Das mit etwas mehr als 20.000 Einwohnern ähnlich große Halle kommt im Stadtkern (zwischen B 68 und Bahnhof, Fahrradladen Avanti und Altem Markt) auf 47 Läden inklusive Bäckereien, exklusive Apotheken.

Selbst das kleinere Werther (etwa 12.000 Einwohner) hat deutlich mehr Läden als Steinhagen: Zwischen Ampelkreuzung Engerstraße und Rewe-Markt befinden sich 37 inhabergeführte Geschäfte (ebenfalls mit Bäckereien und ohne Apotheken) – und das, obwohl Werther ebenso wie Steinhagen nahe am Oberzentrum Bielefeld liegt.

Borgholzhausen (knapp 9000 Einwohner) dagegen kommt im Innenstadtbereich nur auf 15 Läden.

Daniela Becker, bei der IHK Referatsleiterin Verkehr, Stadt- und Regionalplanung bei der IHK, sagt: »Der inhabergeführte Einzelhandel ist nicht per se tot. Die Ausgangslage wird zwar immer schwieriger, aber es gibt auch innovative Konzepte.« Und die funktionieren – auch auf dem Land. Beispiele: das Minikaufhaus im kleinen Langenberg im Kreis Gütersloh oder ein Geschäft mit hochwertiger Mode, kombiniert mit Gastronomie und regelmäßigen Events, die umfangreich auf allen Ebenen bis in die Social Medias hinein beworben werden.

Online-Präsenz ist der Schlüssel

Online-Präsenz, für Jörg Beyer vom Einzelhandelsverband in Bielefeld, ein Schlüssel: »Es muss nicht unbedingt der eigene Internet-Shop sein, aber man muss schnell auffindbar und definierbar sein. Und zwar nicht über obskure Suchmaschinen, die höchstens Telefonnummer und Adresse nennen, sondern mit eigener Homepage, die Auskunft gibt über Sortiment, Öffnungszeiten und Parkmöglichkeiten.« Die Sozialen Medien sind wichtig: »Wenn man in Freundes­kreisen weiterempfohlen wird, ist das ein Plus.«

In Steinhagen ist der Handel seiner Meinung nach durchaus lebendig – aber vor allem in den Einkaufszentren. »Die Mitte hat man nun zwar für den Verkehr geöffnet, aber die Frage ist doch: Wann kommt der Tag X, dass der nächste in Rente geht und keinen Nachfolger hat?«, so Beyer. Die politischen Entscheidungen der Vergangenheit nennt er »nicht immer zukunftsorientiert«. »Es gibt ja Beispiele in der Nähe für lebhaften Einzelhandel wie Halle.« Dort gibt es aber mit dem Speicher-Markt einen großen Frequenzbringer im Zentrum.

Dass der Einzelhandel tot sei, findet Anke Mennecke, seit 30 Jahren mit Parfümerie und Kosmetikinstitut am Kirchplatz vertreten, ebenfalls nicht: »Die Geschäfte, die da sind, machen doch scheinbar auch Geschäfte.« Indes würden weitere Läden auch den bestehenden nutzen.

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