Renommiertes Kulturfestival mit Leslie Malton zu Gast bei Hörmann »Wege« in eine andere Welt

Steinhagen(WB). Leslie Malton überwindet Kontinente und einen Ozean, um zu ihrer Schwester in Kalifornien zu gelangen. Aber in ihre Welt kann sie nicht vordringen – Marion ist behindert. »Ich habe dich immer lesen müssen«, schreibt Leslie Malton in ihrem Buch »Brief an meine Schwester«.

Von Annemarie Bluhm-Weinhold
Leslie Malton in engem Kontakt mit ihrem Publikum – nicht nur vor und nach ihrem Auftritt, sondern auch während der Lesung: Die tiefe Schwesternliebe rührte das Publikum an. 550 Interessierte wollten sie und Pianist Marc-André Hamelin hören.
Leslie Malton in engem Kontakt mit ihrem Publikum – nicht nur vor und nach ihrem Auftritt, sondern auch während der Lesung: Die tiefe Schwesternliebe rührte das Publikum an. 550 Interessierte wollten sie und Pianist Marc-André Hamelin hören.

Aus diesem 2015 veröffentlichten Debutroman hat die bekannte Schauspielerin am Freitagabend in der Firma Hörmann gelesen. Leslie Malton ist im Rahmen des renommierten Literatur- und Musikfestivals »Wege durch das Land« zu Gast in Amshausen. Nicht das elegante Hörmann-Forum, sondern die Versandhalle wird zur Kulturstätte mit einem besonderen Spannungsbogen zwischen der gewaltigen Kulisse des Hochregallagers sowie den eindrücklichen Worten Leslie Maltons und den filigranen Klängen von Pianist Marc-André Hamelin. 550 Zuhörer sind gekommen, unter ihnen viele Steinhagener sowie zahlreiche Mitglieder der Familie Hörmann. Die Unternehmerfamilie engagiert sich seit Jahren für die Anerkennung behinderter Menschen. Ein Kunstwerk, das sich Hörmann vor das neue Forum gesetzt hat, nimmt genau das auf: Stephan Balkenhols »Großer Kniender«. Helene Grass, die neue künstlerische Leiterin des Festivals, sagt: »Trotz seiner Größe strahlt der ›Große Kniende‹ Verletzlichkeit aus.«

Lächeln wie ein Sonnenaufgang

Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit: Ein roter Faden des Abends, an dem die »Wege durch das Land« zu Wegen in eine andere Welt wurden – in die Gefühlswelt von Leslie Malton und in die »Rett-Welt«, wie sie es nennt. Einerseits herrscht dort tiefe Dunkelheit, andererseits sind die Sonnenaufgänge dort unvergleichlich: bei jedem Lächeln nämlich.

Marion Malton leidet unter dem Rett-Syndrom, einer genetische bedingten Entwicklungsstörung, die zu schwerer Behinderung führt. Jahrzehntelang prägten Unklarheit, Unsicherheit und auch Schuldgefühle das Familienleben – bis Leslie Malton in einem Zeitungsartikel über das Rett-Syndrom las.

Es sei wie ein Erwachen gewesen, schildert sie. Eine ganz neue Perspektive: »So viel gäbe es noch mit dir zu besprechen, wenn wir denn miteinander sprechen könnten. Wie hängt das alles zusammen? Was wissen wir wirklich voneinander? Ich meine, dich zu kennen. Aber stimmt das? Und du, was weißt du von mir?«, schreibt sie der Schwester, deren Ausdrucksmöglichkeiten auch ohne Worte so groß sind, dass Leslie Malton den Regungen, die sie in der Schwester »liest«, Sprache verleiht.

Virtuose Interpretationen

Die außergewöhnlich Schwesternliebe wird wunderbar deutlich und prägt die Atmosphäre in der so nüchternen Industriehalle. Die Zartheit nimmt der kanadische Ausnahmepianist Marc-André Hamelin in seiner virtuosen, pointierten Interpretation von Werken Franz Liszts auf, steigert sie zu einem Spiel von emotionaler Intensität und führt sie weiter in das Gefühlschaos eines Samuel Feinberg, der in seiner 1918 entstandenen Sonate Nr. 4 die Stimmung der Zeit meisterhaft umsetzt. Den Schlusspunkt setzt er mit einem als bahnbrechend geltenden Werk: Liszts »Klaviersonate h-moll«.

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