Nächste Woche ziehen Familien in das Schlichte-Haus an der Alten Kirchstraße Flüchtlinge richten alte Villa her

Steinhagen (WB). Ihre Monate sind gezählt: In absehbarer Zeit soll die sanierungsbedürftige Schlichte-Villa an der Alten Kirchstraße abgerissen werden. Doch bis dahin erfüllt sie noch einen guten Zweck: Von kommender Woche an werden dort Flüchtlingsfamilien wohnen. Sie ziehen in Räume, die ebenfalls weitgehend von Flüchtlingen für sie hergerichtet worden sind. 

Von Annemarie Bluhm-Weinhold
Etwas zusammengestückelt, weil nicht mehr alle Buchstaben da waren, aber dafür umso herzlicher, sagen die Handwerker den Familien, die nächste Woche einziehen »Welkom in Steinhagen 2015«. Auch die Kindertafel ist eine Spende von Bürgern.
Etwas zusammengestückelt, weil nicht mehr alle Buchstaben da waren, aber dafür umso herzlicher, sagen die Handwerker den Familien, die nächste Woche einziehen »Welkom in Steinhagen 2015«. Auch die Kindertafel ist eine Spende von Bürgern. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Was an Hilfsarbeiten zu machen war, das haben neun junge Männer und Alexander Reschke, Hausmeister bei der Gemeinde, erledigt: Wände streichen und Schadstellen ausbessern, alten Teppich herausreißen, das Parkett und Fliesen säubern, die Dachrinnen vom Dreck befreien und Küchenschränke aufbauen. Der Kamin in der Eingangshalle ist aus Sicherheitsgründen ebenso wie ein Treppenaufgang zum Dachboden mit Brettern dicht gemacht worden.

Flüchtlinge renovieren

Die Wände der Eingangshalle leuchten beispielsweise himmelblau, die der Küche rosa, die des Wintergartens mintgrün, im Esszimmer ist gelb und in einem Zimmer oben lindgrün angesagt. Die Farben hat Brhane Tareke Kedane aus Eritrea selbst angerührt und damit ein gestalterisches Händchen bewiesen. Gestern hat er der Holzplatte vor dem Kamin mit Wischtechnik noch eine Marmor-Optik verliehen.
Innerhalb einer Woche haben sie viel geschafft.

Jetzt muss noch eine Fachfirma kommen und Heizung und Rohrleitungen prüfen sowie eine weitere, um in einigen Räumen Teppich zu verlegen. »Da wir das Haus nur vorübergehend nutzen, sind auch keine großen Renovierungsmaßnahmen, sondern nur die nötigen Arbeiten gemacht worden, um die Räume bewohnbar zu machen«, sagt Janine Sözen-Dessin von der Gemeinde.

Immer noch Engpass

Die Annette-Schlichte-Steinhäger-Stiftung hatte die alte, seit einem Jahr leerstehende Villa zur Verfügung gestellt, um den derzeitigen Engpass bei der Flüchtlingsunterbringung zu lindern, bis im März die derzeit im Bau befindlichen Doppelhäuser an der Bahnhofstraße fertig sind.

Die Gemeinde sucht Wohnungen – und tut das ungeachtet zahlreicher Wohnungsangebote von Steinhagener Bürgern immer noch. Denn die Zuweisungszahlen bleiben unverändert hoch: Fünf Neuzugänge waren es allein gestern, damit leben in Steinhagen jetzt 168 Flüchtlinge.

Das Haus ist für die Zwecke der Gemeinde optimal: Neben der Küche sowie der Eingangshalle und dem Wintergarten als Gemeinschaftsräume, gibt es acht Räume, die als Schlafzimmer genutzt werden können, dazu drei Badezimmer und zwei separate Toiletten. »Ich rechne damit, das wir fünf Familien mit etwa 18 Personen dort aufnehmen könne. Das hängt aber etwas von der Größe der Familien ab«, sagte Sozialamtsleiterin Birgit Pape.

Hohe Spendebereitschaft

Eingerichtet werden die Räume, die alle auch noch über bereits historische Einbauschränke verfügen, mit gespendeten Möbeln. »Die Steinhagener sind sehr spendenfreudig«, sagt Janine Sözen-Dessin. Und praktisch begabt: Auch ein Kinderwagen ist zur Verfügung gestellt worden. Nicht nur Möbel, auch reichlich Kleidung wird der Gemeinde angeboten. »Was wir noch ganz dringend brauchen, ist Arbeitskleidung. Denn momentan ruinieren sich die Flüchtlinge mit Farbe ihre privaten Sachen, von denen sie ohnehin nicht so viele haben«, sagt die Rathaus-Mitarbeiterin.

Beschäftigung und Wertschätzung

Die neun Handwerker haben sich alle freiwillig gemeldet. Sie bekommen 1,05 Euro und – was vielleicht noch wichtiger ist – Beschäftigung und Wertschätzung. »Sie können arbeiten und etwas schaffen und sind nicht mehr zur Untätigkeit verdammt«, sagt Janine Sözen-Dessin. Zudem sammeln sie Erfahrungen und können etwas vorbweisen, mit dem sie sich um ein Praktikum oder eine Ausbildung bewerben können.

Genau um dieses Thema geht es auch am kommenden Montag, 31. August, 18 Uhr beim 3. Runden Tisch im Steinhagener Rathaus. »Praktikum, Ausbildung und Arbeit für Menschen, die als ausländische Flüchtlinge nach Steinhagen kommen«, heiß das Thema, zu dem Gemeinde und Diakonie als Veranstalter Unternehmen, Vertreter von Jobcenter, Arbeitsagentur und Ausländerbehörde eingeladen haben.

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