Dr. Sophie von Lippa ist eine von 15 Ärzten, die sich in der Zeltstadt um Flüchtlinge kümmern »Froh, dass ich helfen kann«

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). »Ich arbeite hier, so lange wie sie mich brauchen.« Dr. Sophie von Lippa ist eine von zurzeit 15 Ärzten, die sich um die Flüchtlinge in der Zeltstadt an der Polizeischule kümmern. Sie sieht das als Verpflichtung, die sie mit ihrem Eid eingegangen ist. »Das ist kein Beruf wie jeder andere. Wo Not am Mann ist, muss der Arzt helfen.«

Dr. Sophie von Lippa (rechts) untersucht die Neuankömmlinge in der Notunterkunft. In der Zeltstadt assistiert der Gütersloherin die Wundmanagerin Katharina Kanke aus Marienfeld, die inzwischen Vollzeit in der Medizinischen Abteilung der Zeltstadt arbeitet.
Dr. Sophie von Lippa (rechts) untersucht die Neuankömmlinge in der Notunterkunft. In der Zeltstadt assistiert der Gütersloherin die Wundmanagerin Katharina Kanke aus Marienfeld, die inzwischen Vollzeit in der Medizinischen Abteilung der Zeltstadt arbeitet. Foto: Monika Schönfeld

Sophie von Lippa ist 37 Jahre alt und nach der Geburt ihres vierten Kindes zurzeit in Elternzeit. Sie hat in Bonn und Berlin studiert, an der Humboldt-Universität promoviert, lebt mit der Familie in Gütersloh und arbeitet im Städtischen Klinikum Gütersloh auf der Station für innere Medizin. Seit sechs Wochen arbeitet sie jeden Montag von 9 bis 13 Uhr in der Zeltstadt. Für diese Zeit hat sie für ihre neun Monate alte Tochter einen Babysitter engagiert.

»Ich habe viel über die Situation der Flüchtlinge in der Zeitung gelesen und mich gefragt, wie ich helfen könnte. Als die Ärztekammer OWL zu einer Informationsveranstaltung nach Detmold eingeladen hat, war für mich klar: Das mache ich.« Da sie selbst bestimmen kann, wann sie arbeitet, sei das organisatorisch mit vier Kindern machbar. »Ich bin froh, dass ich überhaupt irgendwie helfen kann.« Da in Deutschland Ärztemangel herrscht, seien die niedergelassenen Mediziner nicht für die Flüchtlingsbetreuung abkömmlich.

Auf Herz und Nieren gecheckt

Dr. Sophie von Lippa arbeitet montags – das heißt, dass es meistens um die Erstaufnahme der Menschen geht, die am Wochenende in die Notunterkunft gekommen sind. »Wir untersuchen auf Läuse, Flöhe, Krätze, hören Lunge und Herz ab. Blutdruck, Temperatur und Sauerstoffsättigung des Blutes werden gemessen. Dabei verlassen wir uns auf unsere Augen, Ohren, Hände und Nasen, auf unser Wissen und unser Gefühl. Nur wenn der Verdacht auf eine Krankheit besteht, werden die Patienten ins Krankenhaus oder zum Facharzt gebracht, vor allem Kinder zum Kinderarzt.« Die Ärztin bestätigt, was bisher alle sagen: Die Flüchtlinge sind relativ jung und gesund. »Wenn sie krank wären, könnten sie die Flucht nicht schaffen. Alte Leute hätten die Flucht gar nicht überlebt.«

Manchmal mit Händen und Füßen

Die Verständigung mit den Patienten funktioniert. »Ich selbst spreche Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch, die Dolmetscher sprechen Farsi, Arabisch und Russisch. Manchmal sprechen wir mit Händen und Füßen.« Dennoch müsse sie manchmal nachforschen, wenn die Informationen lückenhaft sind. »Ich hatte einen kleinen Jungen hier, der nicht mehr richtig sehen und sprechen konnte. Der Vater erzählte, sein Kind habe zehn Minuten im Mittelmeer getrieben. Ich dachte, dann müsste der Junge eigentlich tot sein. Erst auf viele Nachfragen stellte sich heraus, dass das Kind eine Rettungsweste getragen  und im Wasser seine Brille verloren hat.  Er sprach nicht mehr, weil er durch das kalte Wasser Hörstörungen hatte.« Viele Väter seien mit kleinen Kinder ohne die Frauen geflohen. »Die Väter gehen sehr liebevoll mit den Kindern um. Wenn sie gerade hier angekommen sind, können sie vor Erschöpfung nicht geradeaus denken.«

Leider fehlt die Rückmeldung

Dr. Sophie von Lippa bedauert, dass sie von den Geschichten aus dem Hintergrund der Flucht nicht viel mitbekommt. »Für eine  Unterhaltung bleibt bei 150 Patienten und zwei Ärzten montags nicht viel Zeit.« Auch die Rückmeldung, ob sie mit ihrer Diagnose Recht gehabt habe, fehle ihr. Meistens seien die Menschen schon an die Kommunen weiterverwiesen worden, wenn sie wieder im Dienst sei.
Sie möchte für die Flüchtlinge um Verständnis und Wohlwollen bitten. »Es ist mir ein Anliegen: Die Menschen machen sich mit kleinen Kindern auf einen gefährlichen Weg und wohnen hier mit fremden Menschen auf engstem Raum in Zelten. Sie kommen aus warmen Ländern und sind dem Klima ausgesetzt, mit dem ihr Körper nicht umgehen kann. Wer so etwas in Kauf nimmt, fürchtet zu Hause um sein Leben und das der Familie.«

Medizinische Versorgung in der Zeltstadt

Nach dem Aufruf durch die Ärztekammer haben sich 30 Ärzte gemeldet, die ihre Mitarbeit in der Versorgung der Flüchtlinge in der Zeltstadt an der Polizeischule angeboten haben. »15 Ärzte arbeiten regelmäßig in der Zeltstadt«, sagt  Katja Isümski, die für die Koordination der medizinischen Versorgung in der Zeltstadt zuständig ist.  Auch sie hat sich  freiwillig gemeldet, um zu helfen. Eigentlich ist sie im Jobcenter des Kreises Gütersloh Fachassistentin in der Arbeitsvermittlung. »Aus der Kreisverwaltung haben sich viele freiwillig gemeldet, die hier helfen möchten«, sagt sie.

In der Zeltstadt arbeiten überwiegend pensionierte Ärzte, die einen Honorarvertrag und eine Vergütung erhalten. »Es haben sich auch niedergelassene Ärzte gemeldet, die in der Mittagspause für Röntgenaufnahmen zur Verfügung stehen, Arabisch  sprechen  oder am Wochenende einspringen können«, sagt Isümski. Die Ärzte bestimmen selbst, wann sie arbeiten wollen. Aus diesen Wünschen erarbeitet Katja Isümski einen Wochenplan. Ein bis zwei Ärzte arbeiten an den Wochentagen von 9 bis 14 Uhr im medizinischen Zelt. »Jetzt hat sich eine Ärzteehepaar gemeldet, das den Röntgenschein hat. Sie  können das Gerät nutzen, das in der Polizeischule steht.« Montags sind die Ärzte mit der Erstaufnahme derer beschäftigt, die am Wochenende der Notunterkunft zugewiesen wurden. Schwierig sei es, wenn die Flüchtlinge traumatisiert seien. Dann werde mit einem Dolmetscher ein niedergelassener Neurologe aufgesucht. »Wir hatten  einige Männer hier, die in ihre Heimat zurückgeflogen sind. Sie sagten, sie schaffen es nicht, von ihrer Familie getrennt in einem fremden Land zu leben.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.