Podiumsdiskussion im Kreishaus: Schicksal sowjetischer Opfer häufig unbekannt  Vergessene Kriegsgefangene

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). »Der Holocaust war das zentrale Verbrechen des Nationalsozialismus, aber nicht das einzige. Das Mainstream-Gedenken überschattet Opfergruppen.« Das hat Professor Dr. Volkhard Knigge am Donnerstag auf dem Podium im Kreishaus gesagt.

Von Monika Schönfeld
Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion im Kreishaus sprechen über Verbrechen des Nationalsozialismus.
Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion im Kreishaus sprechen über Verbrechen des Nationalsozialismus. Foto: Carsten Borgmeier

Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sieht unter anderem in den sowjetischen Kriegsgefangenen die vergessenen Opfer. In Schloß Holte-Stukenbrock kennt man die sowjetischen Kriegsgefangenen als Opfer der Nazis. Vom Stammlager (Stalag) 326 in Stukenbrock-Senne sind sie zur Zwangsarbeit in die Ruhrgebiets-Industrie oder in die Landwirtschaft verschickt worden. Viele sind hier gestorben – 15.000 können namentlich benannt werden, man spricht von 65.000 Toten, die in 36 Massengräberreihen auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof begraben sind. Das sagte Oliver Nickel.

Es diskutierten für die WDR-Radio-Sendung »Forum WDR 3« Bernd Mütter (Historiker und Autor des Films »Menschenzoo in der Senne«), Professor Dr. Volkhard Knigge (Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora), Vladimir Kukin (Botschaftssekretär der Russischen Botschaft) und Oliver Nickel (Historiker und Geschäftsführer der Dokumentationsstätte Stalag 326 Senne), Kirsten John-Stucke (Leiterin des Kreismuseums Wewelsburg) und Dr. Jörg Morré (Direktor Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst). Die Moderation hatte Michael Köhler vom WDR.

 Knigge meint, es habe bis ins Jahr 2000 gedauert, bis man in Deutschland bereit gewesen sei, Verbrechen und Unrecht auch so zu nennen. »Junge Leute stellen heute die Warum-Frage – ohne Pietät und falsches Getue. Sie wissen, dass Täter und Opfer nicht vom Himmel fallen. Sie wollen wissen, wie Menschen dazu werden, was nach 1945 passiert ist, warum es so lange gedauert hat, dass sich die Deutschen des Themas annahmen und warum nur wenige Täter bestraft worden sind.« Stukenbrock sei ein wichtiger Ort, um Orientierung zu finden. »Die Dokumentationsstätte ist ausbaufähig und ausbauwürdig.« Er wünscht sich, die Berührungskraft des Ortes zu nutzen. »Dort haben die Opfer ein Gesicht und einen Namen. Es ist ein Ort des politisch-historischen Lernens.«

 Der Historiker Bernd Mütter, der aus Hövelhof stammt, hat 2002, damals noch an der Uni Bielefeld, den Film »Menschenzoo in der Senne« gedreht. »Es geht heute darum, menschliches und unmenschliches Verhalten in der Diktatur zu erklären.«

 Für die Angehörigen sei es wichtig, die Opfer zu identifizieren, sagte Botschaftssekretär Vladimir Kukin. Oliver Nickel berichtete, dass Angehörige, die den Ehrenfriedhof besuchen, nicht wissen, was im Stalag passiert ist. »Wenn sie die Ausstellung sehen, brechen sie oft zusammen.«

 Aus Sicht der Teilnehmer gibt es Etappen der Wahrnehmung und der Auseinandersetzung mit der Geschichte. In der Zeit des Kalten Krieges ist der Friedhof gepflegt und in Ehren gehalten worden, allerdings fand keine politische Auseinandersetzung mit der Geschichte statt. Der Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock hat mit dem Antikriegstag immer in der linken Ecke gestanden, der Sowjetunion nahestehend, die von vielen als »Reich des Bösen« gesehen wurde.

 Im Jahre 1993 wurde der Förderverein Dokumentationsstätte Stalag 326 gegründet. Seine Arbeit erfährt allerdings erst in jüngster Zeit Wertschätzung, die sich auch in der finanziellen Ausstattung niederschlägt.

 »Der Besuch des Bundespräsidenten am 6. Mai wird Ihre Arbeit noch bekannter machen«, sagte der Leiter der Kreisabteilung Presse, Kultur und Archiv, Jan Focken, zur Begrüßung. An den Vorsitzenden des Fördervereins Stalag, Manfred Büngener gewandt: »Wir tun in Zukunft alles dafür, dass das Geld immer reichen wird.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.