Drei-Schulen-Theater beeindruckt provokativ und politisch mit »18«  Gesellschaft seziert 

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). »Das Stück wird die Menschen aufrütteln.« Das sagt der Landtagsabgeordnete André Kuper nach der Premiere des Stücks »18« des Drei-Schulen-Theaters in der Versöhnungskirche. Provokativ, ausdrucksstark, politisch: Die Jugendlichen beleuchten die Situation der Flüchtlinge und die Einstellung der Einheimischen.

Von Monika Schönfeld
Gaye Mutluay (links) lässt als Adina die Stimmung umschlagen von der Unbekümmertheit der jungen Leute auf dem Weg ins Erwachsenleben zur Debatte und Verunsicherung der Flüchtlinge in der Stadt. Blut klebt allen an den Händen, sie rufen nach Mutti.
Gaye Mutluay (links) lässt als Adina die Stimmung umschlagen von der Unbekümmertheit der jungen Leute auf dem Weg ins Erwachsenleben zur Debatte und Verunsicherung der Flüchtlinge in der Stadt. Blut klebt allen an den Händen, sie rufen nach Mutti.

 Es beginnt unbekümmert. Hassan wird 18 und seine Freunde bereiten eine Überaschungsparty für ihn vor. Da ist es egal, ob es deutsche Freunde sind oder solche mit »Migrationshintergrund«, wie man so schön sagt. Unterschwellig ist aber das Erwachsenwerden nicht nur von Freude und Party begleitet – Angst gehört dazu, Unsicherheit. Die Angst, Zeit zu vergeuden, Ziele nicht zu erreichen, von der Familie getrennt zu werden. Die Jugendlichen aus den drei weiterführenden Schulen stellen diese Ängste glaubwürdig vor. Wie schon vergangenes Jahr für das Stück »Gefangen« haben die Theaterpädagogen Canip Gündogdu und Demokrat Ramadani mit den Schülern im Alter von 12 bis 24 Jahren gearbeitet. Inzwischen ist das eine Gruppe, in der jeder Einzelne und alle im Zusammenspiel absolut authentisch wahrgenommen werden.

 Für Hassan wird ein Film aufgenommen. Die Freunde stellen sich vor die Kamera und erzählen Anekdoten, schwören ihre Liebe, singen »Wie schön, dass du geboren bist« oder machen Witze. Hoffnungen werden formuliert. »Wenn ich 18 bin, will ich meinen Horizont erweitern, dann bin ich hoffentlich mehr ich selbst.«

 Dann jedoch kippt die Stimmung. Adina (Gaye Mutluay) rastet aus. »Geheuchelte Nächstenliebe« wirft sie den Freunden vor. »Alles dreht sich um Hassan. Dabei wird übersehen, dass auch andere Probleme haben.« Manuel (Dominik Fockel) gibt den Provokateur: »Wir sind der Sozialstaat der Welt. Wenn wir ständig fremden Leuten helfen, bleibt nichts für die eigenen.« Rechtsradikale Sprüche? Stammtischparolen? »Hassan ist keiner von uns.« Dafür bekommt er von Mia (Lea Rusack) eine Ohrfeige. Bis dann die Nachricht den Streit abbricht: »Hassan wird nicht kommen. Er wird eh' abgeschoben.«

 »War das zu feste?« Lea bezieht sich auf die Ohrfeige. »Schon okay«, sagt Dominik. Die Schauspieler fallen aus ihren Rollen, erklären dem Publikum, wie es weitergehen könnte. Mit Happy End, als Kriminal- und Actionstück, »wir brauchen eine Mission«. Der Begriff Heimat wird seziert. Ist das da, wo sie über seine Mutter und Schwester hergefallen sind? Oder wo er den ersten Kuss bekam? Wieder die Ängste. Dass der Hass sie übermannt. In starken Bildern laufen sie, verfolgt, kein Dach über dem Kopf. Sie schauen über den Tellerrand und sehen Überbevölkerung, Krankheit, Krieg, Verfolgung. Das Blut klebt an ihren Händen, die sie zur Raute formen. Sie suchen Hilfe. »Mutti?« Mutti, der Spitzname der Bundeskanzlerin Angela Merkel, ist nicht da.

 Die Flüchtlinge haben Schlimmes erlebt. »Ich will kein Geld vom Staat, sondern mein eigenes verdienen.« Denn eins ist sicher: »Ich weiß nur, ich kann nicht zurück.« Und das können viele aus dem Publikum nachvollziehen, weil sie genau das erlebt haben.

 »Hier bei uns in SHS« stehen einer Person sieben Quadratmeter zu. André Kuper: »Wer sich das anschaut, kann damit nicht zufrieden sein.« Er lädt das Drei-Schulen-Theater in den Integrationsausschuss ein. »18« ist heute und morgen jeweils ab 19 Uhr in der Versöhnungskirche am Gluckweg zu sehen. Der Eintritt ist frei. 

 Mitwirkende Projektleitung: Canip Gündogdu und Demokrat Ramadani (Theaterpädagogen), Alparslan Kale (Medienpädagoge), Karolin Kronauer (Regieassistenz).

 Mediengruppe :Patrick Dietrich, Rene Kleinerüschkamp, Maximilian Lüke, Nick Neugebauer, Liridone Ramadani, Daors Reka, Christin Schneider, Sarah Volmer und Meryem Zhubi.

 Schauspieltruppe: Simon Belte (Nevio), Ece Caliskan (Stacy), Sergen Düm (Sam), Merdan Eser (Mesut), Merisa Ferati (Rosalie), Dominik Fockel (Manuel), Laura Graute (Lilly), Edona Hasani (Saphira), Delia Kornelsen (Ava), Vivien Meyer (Alina), Gaye Mutluaj (Adina), Dorentina Reka (Laura), Lea Rusack (Mia), Fitore Qarri (Sophie) und Arton Quza (Naim).

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