Organist Martin Lücker bestreitet den Auftakt der Haller Bach-Tage Zum Niederknien

Halle (WB). Ein letztes Zurechtrucken, ein kurzer Moment des Innehaltens, des Konzentrierens. Dann greift Martin Lücker in die Tasten der mächtigen Orgel von St. Johannis. Für die nächsten 90 Minuten taucht der Frankfurter Organist wie entrückt mit dem »Orgelbüchlein« ganz tief in Bach’sche Klangwelten ein. Und nimmt seine etwa 200 Zuhörer mit auf eine meditative Reise ins eigene Seelenleben.

Von Burkhard Hoeltzenbein
Mehr Bach geht kaum. Martin Lücker lotet mit dem »Orgelbüchlein« alle Spielarten der Orgel aus.
Mehr Bach geht kaum. Martin Lücker lotet mit dem »Orgelbüchlein« alle Spielarten der Orgel aus. Foto: Burkhard Hoeltzenbein

Einen einfühlsameren Auftakt in die Haller Bachtage als mit dieser Hommage an Johann Sebastian lässt sich wohl kaum (er)finden. Denn die aus 45 Choralsätzen zusammengesetze Anleitung, »worinnen einem anfahrenden Organisten auff allerhand Arth einen Choral durchzuführen«, wie Bach einst erklärend schrieb, verschafft dem Zuhörer sowohl Zugang zur Musik des Genius Bach, als auch zu dem schier unendlich erscheinenden Klangvolumen des mächtigen Instrumentes.

Vielfalt des Insturmentes

»Dem Höchsten Gott allein zu Ehren, dem Nechsten draus sich zu belehren«, definierte Bach die Zielgruppen des Orgelbüchleins. Hier kommen göttliche Motive und die ganz weltliche Erkenntnis, dass das komplexe Orgelspiel nunmal eines ebenso komplexen Trainingsprogramms bedürfe, auf einen hörenswerten Nenner.

Wie viele Generationen an Organisten sich wohl in den vergangenen gut 200 Jahren durch die jeweils einstrophigen, puristisch ohne Zwischenspiele angelegten Choralmelodien gearbeitet haben? Vom zart angespielten »Nun komm der Heiden Heiland« des Auftaktzyklus’ Advent, bis zum lang ausgehauchten finalen Akkord »Ach wie nichtig, ach wie flüchtig« des Schlusskapitels »Kasualien, Tod und Ewigkeit«. Vieles dieses Klangkosmos’ klingt aus Gottesdiensten vertraut. Andere Passagen lassen aufhorchen, was sich an Vielfalt aus diesem Instrument hervorzaubern lässt.

Bach-Jünger Martin Lücker ergründet wirklich jeden Satz auf der ihm von früheren Auftritten vertrauten Haller Heintz-Orgel in vollkommener Harmonie. Und in aller Bescheidenheit, denn das Werk ist immer wieder dazu angetan, in Demut vor dem Meister oben in der Höhe niederzuknien.

Vollmundiger Pedal-Grundton

Der Professor lotet alle Stimmungen anhand dieses biblischen Reigens aus. Kraftvoll und voluminös lässt er zu »Vom Himmel hoch, da komm ich her« die Orgel überschäumend jubilieren. Gefolgt vom meditativen »Vom Himmel kam der Engel Schar«, bei dem ein vollmundiger Pedal-Grundton das feinsinnige Solospiel der Finger untermalt.

Überhaupt gab Bach seinen Schülern auf, »anbei auch im Pedal-Studio zu habilitiren«, wobei »das Pedal gantz obligat tractiret wird«. Also »traktiert« Lücker mit seinem Fußspiel »Wir Christenleut«. Geriert einen brummenden, fast knarzenden Unterton. Kehrt wieder zu erhabenen, ruhigen Passagen zurück. Und haucht den allerletzten Akkord lange aus. Nur ganz langsam lösen sich die Zuhörer aus diesem Zauber. Ehrfurchtsvoller, herzlicher Applaus.

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