Martin Rieker freut sich über Unesco-Würdigung von Orgelbau und -musik Ein vielstimmiger Schatz

Halle (WB). Eigentlich dreht sich alles nur um den Wind, wie er erzeugt wird, reguliert und verteilt. Damit es nämlich schön klingt. Vor kurzem ist darum besonders viel Wind gemacht worden. Denn die Unesco hat Orgelbau und -musik in Deutschland zum immateriellen Kulturerbe erklärt.

Von Klaudia Genuit-Thiessen
Orgelbau ist Kulturerbe: Aus Metall oder aus Holz bestehen Orgelpfeifen. Kirchenmusikdirektor Martin Rieker freut sich als gelernter Orgelbauer über die Anerkennung.
Orgelbau ist Kulturerbe: Aus Metall oder aus Holz bestehen Orgelpfeifen. Kirchenmusikdirektor Martin Rieker freut sich als gelernter Orgelbauer über die Anerkennung. Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

»Wir haben einen ungeheuer großen Schatz von Instrumenten aus verschiedenen Epochen. Das sind Kunstgegenstände«, freut sich Kirchenmusikdirektor Martin Rieker über die Anerkennung. Damit werde eine Tradition gewürdigt, die nur sehr bedingt dem Zeitgeist entspreche.

Gelernter Orgelbauer

Seit vielen Jahren setzt der künstlerische Leiter der Haller Bach-Tage einen besonderen Akzent auf Orgelmusik, indem er anerkannte Organisten zum Auftakt der renommierten Klassik-Reihe einlädt. Die Heintz-Orgel in der St. Johanniskirche – 1992 im elsässischen Stil nach Andreas Silbermann gebaut – hat dennoch nicht nur dort große Auftritte. Auf ihr kann fast die gesamte Orgelliteratur gespielt werden.

Allem voran natürlich die Werke des Großmeisters. Was dem Haller Kantor, der beim Bau des Instruments ein entscheidendes Wort mitgesprochen hat, natürlich besonders wichtig war. »Ich wollte nur Bach. Das war einfach meine Liebe«, sagt Martin Rieker.

Zur Königin der Instrumente hat Rieker ein ganz besonderes Verhältnis. Schließlich hat der 64-Jährige einmal Orgelbauer gelernt. Dreieinhalb Jahre Ausbildung bei der Firma Richard Rensch in Lauffen am Neckar: Er musste Hölzer sortieren, Pfeifen schweißen und löten sowie die Trakturen (die Verbindungen zwischen den Tasten und Pedalen des Spieltisches zu den Pfeifenventilen der Windlade). Und zu guter Letzt in Bad Wimpfen eine Orgel aus dem Jahr 1748 restaurieren. Was wichtig ist beim Orgelbau? »Man muss hören können. Aber das lernt man«, meint der Musiker und spricht von der Arbeit mit den Pfeifen – mal aus einer Zinnbleilegierung, mal aus Holz. Sie sollen jedenfalls ihrer Bauart entsprechend optimal klingen. Und diese richtet sich nach den Registernamen, die für die Disposition des Instrumentes gewählt worden sind.

Zwei weitere Schätze

Eine aufwendige Intonation lässt die 2198 Pfeifen, durch die der Wind pfeift, klingen. Die tiefste Pfeife, das groß C, ist acht mal 30 Zentimeter lang. 34 Register (Reihen von Pfeifen gleicher Klangfarbe) sind auf drei Manualwerke und Pedal verteilt. Ein komplexes Zusammenspiel unzähliger Bestandteile lässt das Instrumen mal im vielstimmigen Spektakel dröhnen, mal als harmloses »Gezimbel« summen. Ganz nach Absicht und Können des Organisten. Martin Rieker: »In einem Riesen-Dom muss das C viel dicker sein als in einem kleinen Kirchlein.« Denn jede Orgel sei einzigartig: Sie werde exakt für den Raum entwickelt, in dem sie gespielt wird.

In Halle können sich Musikfreunde noch zwei andere Instrumente hören: In der Herz-Jesu-Kirche gibt die symphonische Orgel nach französischem Vorbild ein romantisches Klangbild. Die kleine Kirche in Hörste beherbergt einen Orgel-Schatz, der schon älter als 100 Jahre ist: eine Original-Klasmeier-Orgel, geschaffen von einem Schüler des bedeutenden Orgelbauers Friedrich Ladegast. »Jede Orgellandschaft und Zeit hat ihr eigenes Klangideal«, sagt Rieker, der privat ebenfalls die ein oder andere Orgel besitzt, kleinere Instrumente natürlich.

An die Orgel hat man in Halle natürlich besondere Anforderungen gestellt. Die Orgelbauer aus Schiltach im Schwarzwald haben ihr eine »fast unerschöpfliche Fülle von Klangfarben, Tonkombinationen und Stimmungen« mitgegeben, wie Superintendent Walter Hempelmann sie rühmt. Dass ganze Instrument arbeitet mechanisch. Elektrisch sind nur Licht und Gebläse, der Wind. Martin Rieker: »Unsere Orgel ist knapp mit Wind bemessen, hat dafür aber einen lebendigen Ton«.

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