Geschichtsträchtiger Häuserbestand an der B 68 in Halle soll abgerissen werden Historischer Schatz in Gefahr

Halle (WB). Geschnitzte Ornamente und bunte Bleiglasfenster, ein Oberlicht mit eingebauter Laterne über der Haustür, mächtige Bäume im Garten – an der Langen Straße haben einmal wohlhabende und gebildete Bürger gelebt. Eine gehobene Gesellschaft. Jetzt sind die Tage ihres Wohnquartiers wohl gezählt.

Von Klaudia Genuit-Thiessen
Heute marode, einst das Heim wohlhabender Bürger: Aus dem Garten sieht man, wie baufällig das frühere Haus Deckenbrock an der Langen Straße 26 ist. Die Stadt möchte das Gebiet neu ordnen, wenn die B 68 nur noch eine Stadtstraße ist.
Heute marode, einst das Heim wohlhabender Bürger: Aus dem Garten sieht man, wie baufällig das frühere Haus Deckenbrock an der Langen Straße 26 ist. Die Stadt möchte das Gebiet neu ordnen, wenn die B 68 nur noch eine Stadtstraße ist. Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Denn die früheren Zierden der Langen Straße 24 und 26 sind heute ziemlich baufällig. Unter Denkmalschutz stehen sie nicht – »obwohl sie zum ältesten und geschichtsträchtigsten Häuserbestand der Stadt gehören«, wie Historikerin Dr. Katja Kosubek im Gespräch mit dieser Zeitung bedauert. Wo einst Haller Honoratioren und Handwerksmeister gelebt haben, soll die Stadt deshalb ein ganz neues Gesicht bekommen.

Bürgerforum im Schulzentrum

Die Zukunft an der B 68 ist ein Punkt von vielen, die am heutigen Dienstag (19 Uhr, Schulzentrum Masch) beim Bürgerforum zum Abschluss des Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes (ISEK/IKEK) zur Sprache kommen. Bekanntlich hatte die Stadt schon einmal drei nebeneinander liegende Grundstücke gekauft, um die Entwicklung an der Bundesstraße in eine gewünschte Richtung lenken zu können – eine Manövriermasse in Gärten, Stein und Fachwerk. Bauamtsleiter Jürgen Keil: »Wenn die B 68 einmal keine Bundesstraße mehr ist, könnten wir dort zusätzlichen Wohnraum schaffen.«

Verkehrsplaner haben für die Haller Innenstadt insgesamt nur noch zwischen 4500 und 5500 Fahrzeuge pro Tag prognostiziert, wenn die Autobahn den Durchgangsverkehr abfängt. Damit eröffnen sich ganz neue Chancen. Das Büro Tischmann/Schrooten hat den Auftrag, für das nördlich gelegene Areal zwischen Altem Markt und Volksbank einschließlich Werther Straße ein Bebauungsplan-Konzept aufzustellen, wie Jürgen Keil berichtet. Die Beschlüsse habe der Stadtrat »in großer Einmütigkeit« gefasst.

Kulturelles Erbe der Stadt

Ob dem Stadtrat klar ist, dass Halle damit einen historischen Schatz unwiederbringlich verliert? »Das Quartier mit den Häusern 24 und 26 als Kernstück ist eigentlich ein wesentlicher Teil des kulturellen Erbes der Stadt – und damit ihrer Identität«, sagt Katja Kosubek.

Die älteste Haller Wohngegend

In den 70er Jahren habe man sie deshalb als zum Denkmalschutz vorgesehene Gebäude markiert und das Haus Nr. 24, hinter dem heute der »Welcome-Treff« liegt – der frühere Königreichreichsaal der Zeugen Jehovas – 1984 wenigstens in die Liste der zu schützenden Kulturgüter eingetragen. Das historische Quartier – neben dem Kirchplatz die älteste Haller Wohngegend – habe die Kriege überdauert und dem Schwerlastverkehr standgehalten. Hingegen sei das angrenzende Quartier mit zwei Gastwirtschaften, dem Armenhaus und der Synagoge nach dem Krieg vollständig zerstört worden. Katja Kosubek hofft deshalb, dass eine behutsame Nachverdichtung, wie sie im B-Plan Ortskern Halle vorgesehen ist, auch mit dem Erhalt der historischen Häuserzeile möglich ist.

Weil die geschichtsträchtigen Häuser nicht unter Denkmalschutz stehen und die Bausubstanz mehr als schlecht ist, sieht Fachbereichsleiter Jürgen Keil wenig Chancen für eine Sanierung. »Nur die Fassade zu erhalten ist auch wenig zielführend«.

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