Um noch Termine für die häusliche Nachsorge zu bekommen, müssen sich Mütter immer früher anmelden Hebammen über Monate ausgebucht

Halle (WB). 403 Babys sind 2017 im Klinikum Halle zur Welt gekommen, fast genauso viel wie im Jahr zuvor. Dass Familien eine Hebamme für die Nachsorge-Betreuung zu Hause finden, ist allerdings nicht mehr selbstverständlich. »Weil die freiberuflichen Hebammen wegrationalisiert werden, haben wir jetzt schon Anmeldungen bis Ende August«, sagt Hebamme Maike Kramer.

Von Klaudia Genuit-Thiessen
Die bessere Nachsorge-Betreuung ist eigentlich eine aufsuchende, wissen die Hebammen Julia Musik (links) und Maike Kramer.
Die bessere Nachsorge-Betreuung ist eigentlich eine aufsuchende, wissen die Hebammen Julia Musik (links) und Maike Kramer. Foto: Klaudia Genuit-Thiessen
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»Die Nachsorge im häuslichen Umfeld können wir nicht mehr garantieren.«

Maike Kramer, Freiberufliche Hebamme

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»Die Nachsorge im häuslichen Umfeld können wir nicht mehr garantieren«, betont die 32-Jährige. Für das derzeit nur achtköpfige Hebammen-Team im Kreißsaal des Haller Krankenhauses (vier weitere sind selbst in Mutterschutz) macht sie deshalb auf ein Angebot aufmerksam. Patientinnen, die in Halle entbunden und dann keine Hebeamme für die Nachsorge gefunden haben, dürfen auch nach der Entlassung mit ihren Fragen, Sorgen und Beschwerden ins Klinikum kommen.

Welchen Anspruch Mütter nach der Geburt haben

In den ersten zehn Tagen nach der Geburt, dem sogenannten Frühwochenbett, hat eine Patientin Anspruch auf zwei Besuche einer Hebamme, wenn es medizinisch angezeigt ist. Danach zahlen die Krankenkassen noch für 16 Leistungen. Wenn die Kernbetreuungszeit nach sechs bis acht Wochen vorbei ist, die Patientin jedoch stillt, kann sie gegebenenfalls bis zum Ablauf des ersten halben Jahres auf eine Hebammenbetreuung zurückgreifen.

Das sind längst keine Einzelfälle mehr. »Schätzungsweise 20 Prozent der Mütter haben zu spät angefragt, ob das mit der Betreuung nach der Geburt auch klappt«, meinen Maike Kramer und ihre Kollegin Julia Musik (27). Längst nicht allen Müttern sei bewusst, dass sie heute schon sehr früh anfangen müssten, eine Hebamme zu suchen. Maike Kramer: »Allen Ernstes: Bei uns fragen schon Frauen an, die nur einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand haben und noch nicht einmal beim Arzt waren«. Nur wenige wissen, dass für die Zeit zu Hause immer weniger Freiberuflerinnen zur Verfügung stehen.

Hebamme hat normal eine 52-Stunden-Arbeitswoche

Dank der gestiegenen Versicherungssummen und schlechterer Vergütung könnten freiberuflich tätige Hebammen die Nachsorge heute nämlich eher als reines Hobby verstehen, sagt Maike Kramer. Ihre eigene Situation macht klar, wie der Berufsalltag in der Branche generell aussieht: Neben ihrer 100-Prozent-Stelle im Kreißsaal (125 Stunden) gibt sie Kurse zur Geburtsvorbereitung, berät bei Schwangerschaftsbeschwerden und bietet Akupunktur an. Dank Buchhaltung und dem ganz neuen Qualitätsmanagement, das sie für durchaus sinnvoll hält, bleibt ihr in einer 52-Stunden-Arbeitswoche gerade noch Zeit für die Nachsorge bei drei bis fünf Frauen monatlich.

Die Haller Hebammen wissen genau, dass eine Wochenbett-Betreuung im Krankenhaus für Familien nur die zweitbeste Lösung ist. Denn nach einer womöglich auch noch stressigen Geburt und einem Kind, das vielleicht sogar schon als Baby seine ganz eigenen Charakterzüge zeigt, müssen sich alle Familienmitglieder aneinander gewöhnen, sich mit ihren Sorgen und Ängsten in einem neuen Familienbild zurechtfinden. »Während es in den großen Familien früher viel Kontakt gab, hat doch heute kaum jemand einen drei Tage alten Säugling auf dem Arm gehabt. Es gibt eine große Unsicherheit, weil alles unbekannt ist. Und gleichzeitig haben Eltern den Anspruch, alles richtig zu machen«, sagt Maike Kramer.

Nachsorge ist wichtig bei Unsicherheiten und Ängsten

Hebammen helfen dann im Alltag weiter, beraten bei Unsicherheiten und Ängsten. In der häuslichen Umgebung ist das für viele Familien eine große Hilfe. Schwierig wird es allerdings, diese Unterstützung im Krankenhaus in Anspruch zu nehmen, wenn man weitere Kinder versorgen muss – oder weil sich das Baby einfach nicht an das »Zeitmanagement« anpassen will und das auch deutlich macht. Maike Kramer: »Kinder halten sich mit ihren Bedürfnissen nicht an unsere Terminvorstellungen«. Erst aus dem sehr intimen Verhältnis und den Einblicken ins private häusliche Umfeld sei oft die Hilfe möglich, die eine junge Familie brauche, weiß die Hebamme. »Es nützt nichts, wenn uns im Krankenhaus eine nette und starke Familie gezeigt wird und zu Hause sind alle hilflos und unglücklich. In unserer Arbeit und die große Nähe liegt der Schlüssel, um hinter die Fassade zu schauen.«

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