Verkehrsplanerin unterstützt flächendeckende Zone in Halle Tempo-30-Streit flammt wieder auf

Halle (WB/SKü). Die positive Bewertung einer flächendeckenden Tempo-30-Zone durch eine Verkehrsplanerin hat zu einer mitunter aufgeregten Diskussion im Haupt- und Finanzausschuss geführt. Die Befürworter von flächendeckendem Tempo 30 in Halle sahen sich in ihrer Argumentation gestärkt.

Blick auf die Alleestraße, deren Umgestaltung demnächst auf der Tagesordnung steht: Ob als Tempo-30-Zone oder nicht, ist noch nicht entschieden.
Blick auf die Alleestraße, deren Umgestaltung demnächst auf der Tagesordnung steht: Ob als Tempo-30-Zone oder nicht, ist noch nicht entschieden. Foto: Stefan Küppers

Eigentlich sollte Diplom-Geografin Sylke Schwarz von der Ingenieurgruppe IVV aus Aachen, das schon oft in Verkehrsfragen für die Stadt Halle tätig war, im Hauptausschuss nur ein aktualisiertes Verkehrsmengengerüst für den Prognosezeitraum bis 2030 vorstellen.

Als die Rede dann auf die möglichen Auswirkungen einer flächendeckenden Tempo-30-Zone kam und Sylke Schwarz eine positive Wertung abgab (»Tempo 30 bringt mehr Verkehrssicherheit und Aufenthaltsqualität«), gab es insbesondere aus den Reihen der CDU viele kritische Nachfragen. Die zentrale Aussage der Fachfrau: Verkehrstechnisch könnte Halle eine flächendeckende Tempo-30-Zone gut verkraften.

Expertin: Verkehrsbelastung sinkt nochmals ab

In der Ortsdurchfahrt (heutige B 68) sinkt ihren Aussagen zufolge die Verkehrsbelastung nochmals deutlicher ab, als es durch den A33-Entlastungseffekt ohnehin geschieht. Der Berechnung der IVV zufolge liegen die Belastungen auf der heutigen B 68 nach dem A33-Lückenschluss nur noch bei 14.200 (Bereich Künsebeck) beziehungsweise 4000 Kfz in 24 Stunden (Ortsdurchfahrt in Höhe des Amtsgerichts).

Wenn der Effekt einer flächendeckenden Tempo-30-Zone hinzu kommt, sinkt laut Büro IVV die Belastung auf der B68 auf nur 2900 Kfz im zentralen Bereich. Dass mithin etwa ein weiteres Viertel der Verkehrsbelastung durch flächendeckendes Tempo 30 reduziert wird, führt Sylke Schwarz auf die weitere Verdrängung des Durchgangsverkehrs zurück. Die Pkw würden dann schnellere Wege über die Umgehungsstraßen oder die A33 suchen.

Vorbehalte aus der CDU

Die von IVV hochgerechneten Planfälle, die auf zwei dreistündigen Verkehrszählungen an zehn verschiedenen Stellen im November 2015 fußen, haben nicht gesondert berechnet, wie sich flächendeckendes Tempo 30 auf die Erreichbarkeit von Haller Geschäften auswirken würde. Eine solche Untersuchung sei möglich, bringe aber wegen des wohl nur geringen Effektes kaum neue Erkenntnisse, meinte Sylke Schwarz. »Wir haben unterstellt, dass alle die, die gezielt nach Halle reinwollen, dies auch künftig tun werden«, sagte sie.

Genau in dieser Frage wurden einige Vorbehalte beispielsweise von Axel Reimers und Thomas Tappe (beide CDU) formuliert. Sie äußerten die Befürchtung, dass zum Beispiel Künsebecker, Hörster oder Hesselner künftig lieber in andere Orte zum Einkaufen fahren, wenn sie sich in Halle zu stark ausgebremst fühlen.

Alleestraße im Fokus

Wolfgang Bölling (SPD) hingegen erinnerte daran, dass in den genannten Ortsteilen bereits quasi flächendeckend Tempo 30 gilt. Als Thomas Tappe die Verkehrsexpertin immer wieder kritisch nach Erläuterungen für ihre Methodik fragte, kommentierte dies Bölling mit den Worten: »Jetzt wird’s allmählich abenteuerlich. Es ist absurd, wenn jedes Rechenmodell in Frage gestellt wird.«

Politisch aktuell wird demnächst die Umgestaltung der Alleestraße. Wenn sie Tempo-30-Zone würde, bräuchte es keine extra Radwege mehr. Bei Tempo 30 wäre die Alleestraße auch nicht mehr Vorfahrtsstraße, es würde Rechts-vor-Links gelten.

Ein Kommentar von Stefan Küppers

Die Verkehrsplanerin aus dem fernen Aachen mag bei ihrem Auftritt im Hauptausschuss erstaunt gewesen sein, in welches politische Wespennest sie mit ihren positiven Bewertungen einer flächendeckenden Tempo-30-Zone in Halle gestoßen war. In den Reihen der CDU und auch bei anderen Kritikern einer kompletten Tempo-30-Ausweisung für die Haller Innenstadt wurde man jedenfalls erkennbar unruhig, als die Expertin aus verkehrstechnischer Sicht für die allgemeine Verlangsamung Partei ergriff.

Dass dieses Thema über Wochen im vergangenen Jahr bereits sehr kontrovers in der Politik und in der Haller Bevölkerung diskutiert worden ist, wird sie womöglich nicht gewusst haben. Doch natürlich sind ihre Aussagen, dass mit der umfassenden Tempobremse mehr Durchgangsverkehr aus Halle herausgehalten werden könne, Wasser auf die Mühlen von SPD und Grünen, die eine flächendeckende Lösung so gerne hätten.

Die Kritiker hingegen wissen, dass sie viele Bürger auf ihrer Seite haben, die auf den wichtigen Haupterschließungsstraßen eben nicht weiter abgebremst werden wollen. Und auch viele Haller Geschäftsleute haben ein feines Gespür für ihre Kundschaft, wann diese aus Verdruss über Verkehrsbedingungen lieber zum Einkaufen in die Nachbarstadt fährt. Solche Vorbehalte gehören eigentlich zwingend in eine große Tempo-30-Debatte in Halle hinein.

In dieser Stadt hingegen tagt ein Arbeitskreis Nahmobilität, in dem weitreichende Vorverabredungen getroffen werden, stets nichtöffentlich. Dieser Verfahren sollte dringend transparenter gestaltet werden. Sonst verstärkt sich das ungute Bauchgefühl, dass hier etwas aufgedrückt werden soll, was viele Bürger womöglich gar nicht wollen.

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