Mutter von Bussard getötet – Haller Hobbyfotograf verschiebt Urlaub Eichhornbaby kehrt zu seiner Pflegefamilie zurück

Halle (WB). Das flauschige Eichhörnchen hört auf den Namen Chip. Der Winzling ist der Haller Familie Pohlmann zugelaufen und Hauptfigur einer tierischen Familientragödie – mit bittersüßem Happy End.

Von Jan Dresing
Chip, der Sonnenanbeter: Das Eichhörnchen, das von Familie Pohlmann aufgezogen wird, ist erst sechs Wochen alt.
Chip, der Sonnenanbeter: Das Eichhörnchen, das von Familie Pohlmann aufgezogen wird, ist erst sechs Wochen alt. Foto: Privat/Karsten Pohlmann

Doch der Reihe nach: Die Familie sitzt am Sonntagmorgen auf der Terrasse, als das junge Eichhörnchen an Karsten Pohlmann hochspringt und auf seiner Schulter Platz nimmt. Die Familie hat Spaß am Besuch des Nagers, macht Selfies, tauft ihn auf den Namen Chip. Pohlmann, ambitionierter Hobbyfotograf, nimmt seine Kamera zur Hand und setzt das etwa sechs Wochen alte Findelkind ins rechte Licht.

»Eine echte Rarität«

Für Felix Bathe, Tierarzt aus Borgholzhausen, gleicht die Geschichte einer Sensation: »Es geschieht ganz selten, dass Eichhörnchen diesen engen Kontakt suchen. Das passiert nur in Notfallsituationen, etwa wenn ein Tier von der Mutter verstoßen wird. Einen solchen Fall habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt. Eine echte Rarität.« Der Tierarzt rät in solchen Fällen, Kontakt mit Experten aufzunehmen, etwa mit dem »Eichhörnchen-Notruf«. Auch Karsten Pohlmann rief die Fachleute an.

»Wir waren fest entschlossen, uns um den Kleinen zu kümmern. Immer in der Hoffnung, dass die Mutter wiederkommt«, sagt der zweifache Familienvater über den Hilferuf des jungen Eichhörnchens. Aus Sorge vor Greifvögeln und anderen tierischen Feinden verbringt Chip die erste Nacht im Haus – in einer Kaninchen-Transportbox, eingekuschelt in einen alten Waschlappen. Montags wartet die Eichhörnchenmutter tatsächlich auf einem Kirschbaum im Garten. Karsten Pohlmann setzt das Jungtier aus, und bald beschnuppern sich Mutter und Kind, bevor sie gemeinsam verschwinden. »Wir haben uns sehr gefreut, wenn auch mit einer kleinen Träne im Auge«, sagt Pohlmann.

Achterbahnfahrt der Gefühle

Also Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Noch am selben Nachmittag nimmt die Geschichte um Chip, das Eichhörnchen, eine dramatische, Wendung. Die Familie beobachtet auf einem nahen Feld einen Bussard, der ein Eichhörnchen reißt. Größe und Farbe deuten darauf hin, dass es das Muttertier ist. Und: Nur kurze Zeit später steht Chip auf der Terrasse. Er ist zu seiner Pflegefamilie zurückgekehrt. »Der Tag war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Jetzt müssen wir uns wohl noch etwas länger um ihn kümmern. Erst einmal müssen wir ihn wieder aufgepäppelt bekommen«, sagt Karsten Pohlmann. Vor ihm auf dem Tisch steht eine Schale mit Kirschen und Nüssen. Eine Mischung aus abgekochtem Wasser mit Honig und einer Prise Salz erhält das mutterlose Tier mit einer Pipette. Und ganz nebenbei hat die Familie die Planungen für ihren Sommerurlaub über den Haufen geworfen. Pohlmann: »Eigentlich wollten wir am Wochenende überlegen, wo wir hinfahren. Das hat sich erst einmal erledigt.«

Chip hat die Familie nun in Beschlag genommen. Noch schläft er viel und sucht gezielt Nähe und Wärme. Sein momentaner Lieblingsort ist der Kapuzenpullover seines Ziehvaters. »Ab der zehnten Woche können Eichhörnchen Nüsse knacken und sich selbst versorgen«, sagt Pohlmann. Das wird in etwa vier Wochen sein. Die Sommerferien sind dann so gut wie vorbei. Ein »Opfer«, das die Pohlmanns gerne bringen.

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