Lukas Ziesché leitet in Weimar deutsch-russischen Chor – nicht ganz das Wunschfach Er dirigiert schon wieder

Halle/Weimar (WB). »Das Klavier war mir früher irgendwie zu einfach – fast schon zu doof. Man musste nur auf eine Taste drücken und der Ton kam«. Ein unerwarteter Satz aus dem Mund eines jungen Mannes, der Preisträger beim Wettbewerb »Jugend musiziert« auf Bundesebene ist. Doch erwartet hat Lukas Ziesché seinen Werdegang als Kind wohl selber kaum.

Von Moritz Heitmann
Lukas Ziesché vor der Hochschule für Musik. Der Haller hat sich Weimar gut eingelebt, leitet sogar schon wieder einen Chor, will aber den Kontakt in seine Heimat nicht abreißen lassen. Foto: Heitmann
Lukas Ziesché vor der Hochschule für Musik. Der Haller hat sich Weimar gut eingelebt, leitet sogar schon wieder einen Chor, will aber den Kontakt in seine Heimat nicht abreißen lassen. Foto: Heitmann

 Seit Oktober 2013 ist der 21-jährige Student an der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar – knapp 15 Jahre nach seinem ersten Kontakt mit der Musik. »Als ich sechs Jahre alt war, hat mich mein Freund Jascha Foster mit zum Kinderchor der Johanniskantorei genommen. Seitdem ist die Musik ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens«, blickt der Musikstudent auf seine Wurzeln zurück.
In Weimar ist er im Begriff, diesen »Bestandteil« sogar zum Beruf werden zu lassen – damit das klappt, galt es jedoch, einige Schwierigkeiten zu überwinden:

»Mein musikalisches ‚Startalter‘ war in Anbetracht der Konkurrenz schon ein gewisses Handicap für mich«, gesteht Lukas Ziesché ein. Während er bereits in jungen Jahren mit Chorgesang und Trompetenspiel begann, entdeckte er seine Leidenschaft für die klassische Musik nämlich erst in einem Alter, in dem die meisten wohl am wenigsten damit anfangen können:

Mit 14 habe ich den Versuch des Klavierspielens gestartet – und auf einmal ließen mich dieses Instrument und die ganze Breite der klassischen Musik nicht mehr los«. Ob Sinfonien, Opern, Sonaten, Quartette, ob Komposition, Chor- oder Orchesterdirigat. Immer tiefer drang Lukas in die Materie ein – und bekam dabei reichlich Unterstützung. »Schon immer prägte mich die gemeinschaftliche Dimension des Musizierens«, sieht er seinen Zugang in der sozialen Komponente. Und weiß dabei auch, dass es ganz von selber wahrscheinlich nie so gekommen wäre: »Martin Rieker verdanke ich sehr sehr viel«. Der Kirchenmusikdirektor der Johanniskantorei gab dem jungen Kantoreimitglied nicht nur die Möglichkeit, zu Einblicken in seine Tätigkeit und Denkweise, sondern auch, praktische Erfahrungen zu sammeln. Das fing an mit dem Korrepetieren in Kinderchorproben und führte über Registerproben im Bachchor bis hin zur Komposition einer Singspiel-Ouvertüre.

Nicht zuletzt zahlte sich auch das Netzwerk der Haller Kantorei für den musikalischen Werdegang aus: Ob erster Klavierunterricht bei Bärbel Kuhnen, Dirigats-Sommerkurse bei Georg Hage oder gar Theorie- und Kompositionsunterricht bei Burkhard Schloemann: Die Vorbildung, die Lukas in Halle erfahren durfte, kann sich sehen lassen. Und doch: Die Konkurrenz blieb stark. Und so ist er schließlich doch nicht in seinem ursprünglichen Wunsch-Studiengang gelandet: »Weimar gilt als das Mekka für angehende Dirigenten«. Bei dementsprechend vielen Bewerbern gibt es – wie in den meisten künstlerischen Studiengängen – auch dort Aufnahmeprüfungen an der Hochschule. »Im Fach Dirigieren habe ich sogar bestanden, was nur wenige schaffen. Aber unter denen, die bestanden hatten, waren alle Studienplätze bereits vergeben; so bin ich im Fach Schulmusik gelandet, wo ich ebenfalls die Aufnahmeprüfung abgelegt habe«.

Auch dieses Fach erfüllt Lukas mit Begeisterung – ebenso wie das neue Zuhause Weimar. »Es hat zurecht den Ruf von ›Weltstadt und Provinz‹, überall sieht man bekannte Gesichter – zwischen Häusern die nur so vor Geschichte strotzen«, berichtet der Haller Abiturient mit den Leistungskursen Geschichte und Deutsch. Auch in einer weiteren Hinsicht ist er hier bestens angekommen: Nach seinen Haller Erfahrungen mit »Hörsinnig« und als Dirigent des Chores »Mezzoforte« kann er seine musikdidaktischen Fähigkeiten praktisch in der Arbeit mit dem deutsch-russischen Frauenchor »Lyra« weiter ausbauen. »Auch wenn sich die eher folkloristische Literatur, die wir hier singen, stark von der bei ›Mezzoforte‹ unterscheidet, so ist beiden Chören doch die Begeisterungsfähigkeit und Neugier gemein«. Und eine neugewonnene Kompetenz kann er schon benennen: »Organisatorisch habe ich hier viel mehr zu tun als bei Mezzoforte – da kümmern sich Chor und Vorstand um die meisten Dinge«.

Ein Leitsatz, der für ihn sicherlich auch außerhalb der Musik gilt. Denn neben dem von Üben, Theorie- und Musikgeschichtsvorlesungen, Instrumentalunterricht und Hochschulchor geprägten Alltag, galt es auch, sich – wie jeder Student – selbstständig zurechtzufinden. Doch auch dabei fühlt Lukas sich sehr wohl. Ohne sich jedoch von seinen Wurzeln lossagen zu wollen: »Halle ist meine Heimat.« Zum Nikolausmarkt war er natürlich wieder zu Hause, auch zu Weihnachten und zum Jahreswechsel wird er erwartet. »Ich habe hier auch begriffen, wie wichtig es ist, den Kontakt zu Freunden und Familie zu erhalten. Denn ohne die Menschen, die man liebt, ist die Musik eben auch nur klingende Luft.«

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